Kunstsache

Staubwedel, Sandmann und Nippes

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Was ist denn Kitsch?“, fragt das Kind, das aussieht wie Pippi Langstrumpf in blond. „Tja, das hängt vom Material ab, Plastik ist nicht toll“, antwortet der Vater. „Nein, es geht um’s Aussehen, um Ästhetik“, sagt die Mutter, eine Italienerin, die das dem Kind in ihrer Muttersprache erläutert. „Kein ganz einfacher Sachverhalt“, grinst meine Freundin Emma.

Wir alle stehen vor der Kasse des Museums der Dinge in der Kreuzberger Oranienstraße. In der alten, lichten Fabriketage wird die Massen- und Warenproduktion des 20. Jahrhunderts auf originelle Weise in einem „offenen Depot“ gezeigt. Hier finden wir die oft übersehenen, kleinen Dinge des Alltags, mit denen wir, je nach Alter und Grenzziehung, mehr oder weniger groß geworden sind im letzten Jahrhundert. Blauweiß: die Signalfarbe der Cremepötte von Nivea. Auch auf der anderen Seite blauweiß: Florena aus der sächsischen VEB-Produktion. Orange oder jagdgrün: das analoge Telefon mit Wählscheibe. Perlmuttweiß: handgroße Muschel-Souvenir-Dosen mit Urlaubsmotiven vom Bodensee oder aus dem Schwarzwald. Klar, jede Menge Nippes gehört dazu und viele „Hausgräuel“, Dinge, die keiner braucht, die noch dazu hässlich sind wie die Tasse in Busenform, die Schildkröte als Schüsselchen oder der monströse Gewehrlauf als Türklinke.

Das Schöne in der Oranienstraße ist, dass man das alles beisammen hat, gute wie böse Dinge, geordnet nach Formen, Farben, nach Arten oder historischen Zusammenhängen. Das macht richtig Spaß.

Dass es überhaupt so ein Museum der Dinge gibt, hängt mit Gustav E. Pazaurek zusammen. Den unermüdlichen Kitsch-Kämpfer kennt heute kaum noch jemand. Dabei war er es, der 1912 einen Kriterienkatalog für „guten und schlechten Geschmack im Kunstgewerbe“ entwickelte. Von „Materialvergewaltigung“ ist dort die Rede und „Dekorbrutalitäten“. Er stellte damit die Grundlage für eine „Abteilung der Geschmacksverirrungen“ im Stuttgarter Landesmuseum. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der quasi die Debatte um die „gute Form“ im Design erst zum Leben erweckte. Gerade läuft eine kleine Sonderschau, die das Museum zur Zeitmaschine macht. Alles dreht sich um das verrinnende Etwas. Eine uralte, schwarze Zeitschaltuhr aus einem Berliner Mietshaus will mit 5-Cent-Stücken gefüttert werden, klick, schon wird es Licht und das Ding tickt mordsmäßig laut und erinnert an Benjamin Franklins Bonmot „Zeit ist Geld“. Gute zwei Stündchen sollte man einplanen für diese verrückte Tour des Geschmacks. Zwei Engländerinnen stehen seit einigen Minuten vor einem Aschenbecher in Form eines rund 70 Zentimeter hohen Berliner Funkturmes – in pink. „My dear, my dear“, sagt die eine, und kriegt sich kaum mehr ein. Man kann das eigentlich nur als eine Art der Bewunderung deuten. Die Briten sind schließlich einiges gewöhnt, wenn es um royalen Kitsch geht. Wackelnde Plastik-Queens gehören eigentlich verboten. Im Gästebuch schwärmt eine Jill aus Birmingham über dieses „Wundermuseum“. Vielleicht sollte die Lady eine Ding-Pflegschaft annehmen, schließlich wollen die 20.000 Objekte im Fundus betreut sein. Man soll die Teile nun nicht etwa abstauben, sondern es geht um finanzielle Zuwendung. Der Standkugelaschenbecher wäre noch frei, ebenso die Lenin-Büste, ein Staubwedel Marke Plumero, und ja, die Würgeente Choke a Duck.

Ach ja, das Pippi-Langstrumpf-Mädchen haben wir am Ausgang wieder gesehen. Die Kitsch-Frage scheint geklärt. Mutti hat im Museumsshop zwei Design-Gläser gekauft, die aussehen wie zwei ziemlich verbeulte Papierbecher zum Wegwerfen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.(Museum der Dinge, Werkbundarchiv, Kreuzberg. Oranienstraße 25. Tel. 921 063 11. Fr-Mo 12-19 Uhr)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien