Fotokunst

Der Flaneur von Wilmersdorf

Efraim Habermann hat die Architektur der Stadt festgehalten

Seine grobkörnigen Schwarzweiß-Aufnahmen strahlen eine ganz eigene Atmosphäre aus. Konzentriert auf die Struktur seiner Motive rund um den Fasanen- und Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf, vollzieht Efraim Habermann mit der Kamera eine Art Stilllebenmalerei. „Ich bin ein Realromantiker“, bekennt der Fotograf, der es versteht, mit wenigen Gegenständen imaginäre Räume zu schafften. Klar und doch poetisch. Durch sein besonderes Auge nimmt er in seinen Lichtbildern die Architektur der Großstadt ins Visier, betont ihre Geometrie, aber auch ihren Charme. Habermann zeigt quadratische Durchblicke, Fußbodenmarmorierungen, gerasterte Fensterfronten und Spiegelungen. Er bringt alte Brandmauern und Hinterhöfe ebenso zum Sprechen wie das schöne Gesicht einer Frau, die er im Café beobachtet.

Der 1933 in Berlin geborene Fotokünstler ist einer von jenen, auf die das Wort Künstler auch wirklich zutrifft. Er knipst nicht einfach oder dokumentiert, sondern selektiert, schafft Assoziationszusammenhänge. Seine Motive findet der passionierte Flaneur auf der Straße, mitten in Wilmersdorf – die markante U-Bahnstation am Fehrbelliner Platz etwa, eine Kirchturmspitze, mächtige Fassadenfiguren an Verwaltungsgebäuden oder Graffiti. Immer wieder blitzt Humor auf. Wenn neben der Kopie des „David“ von Michelangelo eine Telefonnummer an der Fassade erscheint. Bei Anruf Damenbesuch für den in Stein gemeißelten Jüngling? Oder der kleine Liebesgruß eines Unbekannten in einer ovalen Kartusche. Es ist ein Luftballon mit Gesicht, der eine winzige Biene abschleppt. Ein Graffiti mit Herz. In Fotos wie diesen formen Details eine Geschichte.

Ihr Erzähler floh 1939 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach Palästina. In den späten fünfziger Jahren kehrte Habermann in seine Heimatstadt zurück. Hier arbeitete er unter anderem bei den Berliner Senatsbehörden als Graphiker und Technischer Zeichner und fotografierte für verschiedene Berliner Zeitungen. Seither lebt er in der Fasanenstraße, wo einzelne der kunstvollen Aufnahmen entstanden, die in der Kommunalen Galerie gezeigt werden. Kuratorin Elke von der Lieth hat mit viel Gespür für Harmonie 50 nuancenreiche Fotos aus einem Konvolut von 170 Bildern ausgewählt, entstanden 1982. Die Architekturstudien, mit der analogen Leica festgehalten, sind in gewisser Weise Milieubetrachtungen, „Berlin und auch Wilmersdorf“ gewidmet.

Sehr persönlich und eigenständig berichten diese Fotos über Berlins Nachkriegsmoderne und die mächtigen Bauten am Fehrbelliner Platz in den zwanziger Jahren. Was überdauerte, lässt sich draußen vor der Tür besichtigen. Einiges! Freilich in Farbe. Habermann schafft andere optische Reize, arbeitet mit Kontrasten, Grauabstufungen, Schatten. Weniger ist bei ihm mehr. Ein einzelnes, verwittertes Fenster schon eine ganze Erzählung.

Fotoausstellungen wie diese stimmige Ehrung zu seinem 80. Geburtstag sieht man in kommerziellen Galerien viel zu selten. Dabei gibt es in den drei großen Räumen der Kommunalen Galerie noch weitere Ausstellungen zu entdecken. Wer Lust auf mehr hat, kann nebenan in der Artothek gegen geringe Gebühr Gemälde oder Fotos ausleihen. Wie es sich wohl mit Werken von Hans Laabs, Karl Hofer oder Habermann in den heimischen vier Wänden lebt?

Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, Di-Fr 10-17 Uhr, Mi 10-19 Uhr, So 11-17 Uhr. Bis 29. September. Artothek Di-Fr 11-17, Mi 11-19 Uhr.