Songwriter

„Aber niemand wird kommen, dich zu retten wie einen Regenwald“

Traurige Männer mit Gitarre, offenen Hemden und blassen Zehen: Niels Frevert singt am Arena-Badeschiff

Es bleibt ein Rätsel, warum diese Songwriter immer so niedergeschlagen sein müssen. Da sitzt dieser Niels Frevert, ein 45-jähriger Musiker aus Hamburg, also mit seiner Gitarre auf der Terrasse vom Badeschiff. Neben ihm ein Freund am Klavier. Niels Zehen sind ein bisschen blass im Verhältnis zu seinem gebräunten Gesicht. Unten schwimmen schöne Menschen in einem zauberleuchtenden Grünblau nur knapp über der Spree. Die Sonne geht langsam unter. Der Moscow Mule ist im Preis reduziert. Das Barpersonal ist so gut drauf, dass sie einem sogar erklären, woran man einen guten Barkeeper erkennt. „An der Schorle nämlich. Zuerst muss man das Wasser einfüllen und dann den Saft. Der Saft ist nämlich schwerer. Er fällt so durch das Wasser durch. So entsteht eine perfekte Mischung.“ Und was macht Niels Frevert? Er spielt Akustikgitarre und singt „Ich will blühen, erblühen/ in Deinen Armen und verblassen/ Du kannst mich an der Ecke rauslassen/ Ich will gehen, vergehen/ die letzte Bahn verpassen/ Du kannst mich an der Ecke rauslassen“. Der Hamburger ist schon fast Berliner: Alles jut, könnte der sagen, ist aber trotzdem erst mal schlecht drauf.

Ihn hat es schon immer gegeben

Wobei Niels Freverts Schlechtdraufsein im Gegensatz zum Straßengenörgel spitze klingt. Er ist ein wandlungsfähiger Songschreiber, kein Protestschrabbler. Er fühlt den Bossa nova Hamburgs, als er „Wohin hat es deine Sprache verschlagen“ spielt, er, der João Gilberto von der Elbe, der Mann mit dem geöffneten Hemd. Niels Frevert ist einer, den es irgendwie immer schon gegeben hat. Bis 1996 war er Sänger und Frontmann der Gruppe Nationalgalerie, so eine Hamburger-Schule-Gruppe. Seitdem veröffentlicht er unter seinem eigenen Namen Alben, spielt quer durch die Republik und auch in der Schweiz und Österreich Konzerte. Ina Müller hat ihn einmal in ihre Sendung eingeladen, Heino saß damals in der Ecke und applaudierte begeistert. Vier Platten hat er inzwischen veröffentlicht.

Das Songwriter-Dasein ist kein leichtes Brot, ein Leben lang von Wein und Zigaretten singen und sich im Supermarkt doch bücken müssen, um den Fusel zu kaufen, auf dem „Le Bonjour“ steht. „Und du sagst,/ Wenn doch bloß nur/ Immer die Sache mit dem Geld nicht wär’/ Und das Gefühl, man wär’ zu alt/ Aber niemand wird kommen, dich zu retten/ Wie einen Regenwald-Quadratmeter oder ein WWF-Tier.“ In diesen Zeilen steckt die Tragik eines Mannes, der sich entscheidet, Lieder zu singen. Das Liedersingen ist für ihn der einzige Ausweg. Während die Existenzialisten sagen, es ist alles doof, und es ist nicht zu ändern, wir rebellieren trotzdem, sagt der Songwriter, es ist alles doof, es ist nicht zu ändern, rebellieren kann ich nicht, also sing ich darüber. Was wohl die Kinder, und ein paar sind darunter, von dieser Lebenssicht halten? Werden sie heute alle vom Klettergerüst springen?

Um die 150 Zuschauer sind gekommen, mehr passen ohnehin nicht rein. Sie sitzen dicht an dicht auf dem Boden, hinten stehen sie. Frauen umarmen sich. Niels spielt jetzt ein Stück von Herman van Veen. Ein Freund stößt noch mit dem Cello dazu. Und weil auf den Flyern Niels-Frevert-Duo stand, ist der Musiker jetzt besorgt, dass einige ihr Geld zurückwollen, weil sie ja jetzt zu dritt sind. Aber dann kichert er nur ein bisschen und beginnt doch zu spielen.

Gegen Ende fragt Niels Frevert das Publikum, ob es noch irgendwelche Wünsche hat. Man selber hätte ja gern seinen Smash-Hit „Ich möchte mich gern von mir trennen“ gehört. Aber wer traut sich schon, so was laut zu rufen? Am anderen Ufer, drüben in Friedrichshain, stehen die Baukräne still. Bei den BASF-Farben brennt noch Licht, und direkt über der kleinen Bühne, die eigentlich nur aus Boden und Boxen besteht, leuchtet das Blau der Allianz. „Ich werd’ Dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist“, singt Frevert.