Serie: Chöre in Berlin

Gospel in Friedrichshain

Serie, Teil 5: Einst war der Paul-Robeson-Chor ein Volkskunstkollektiv. Nach einigen Krisen feiert er in diesem Jahr sein 50. Jubiläum

Ursula Braditz läuft geschäftig herum. Die Samariterkirche in Friedrichshain sieht noch nicht so aus, als könne hier in zwanzig Minuten eine Probe starten. Da steht noch eine Tischtennisplatte vor dem Altar und das Keyboard schlummert in seiner Hülle in der Ecke. Aber heute muss alles perfekt sein. Es ist schließlich die Generalprobe vor dem Jubiläumskonzert. Der Paul-Robeson-Chor besteht nunmehr seit 50 Jahren.

Mut und Trost

Gegründet wurde er von Hugo Jahns im Jahr 1963 in Ost-Berlin. Namensgeber war Paul Robeson (1898–1976), ein afroamerikanischer Sänger und Schauspieler. Er startete seine künstlerische Karriere in den USA. Zum Gesang kam er eher durch Zufall. Er war bereits in den zwanziger Jahren als Schauspieler am Broadway engagiert. Als dort das Musical „Show Boat“, eines er ersten amerikanischen Musicals überhaupt, geprobt wurde, sprang Robeson ein. Seine tiefe Bassstimme überzeugt auf Anhieb. Der Song „Ol‘ Man River“ aus dem Musical machte ihn als Sänger bekannt.

Trotz dieser Popularität stieß er bald als Schwarzer in seiner Heimat auf massive Widerstände. Er zog nach London um und wurde dort zum Sozialisten und aktiven Bürgerrechtler. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich in der Weltfriedensbewegung und erhielt dafür 1950 den Weltfriedenspreis. In der Zeit des Kalten Krieges stand sein Name in den USA auf der Schwarzen Liste. Er wurde vor den „Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit“ zitiert.

Für einen DDR-Chor war das eine Steilvorlage: Ein Mann, der sich für den Sozialismus engagierte und dafür angefeindet wurde, machte sich gut als Namensgeber. Paul Robeson unterhielt gute Beziehungen zu den Kultureinrichtungen der DDR und trat mehrfach in Berlin auf. 1964 – ein Jahr nach seiner Gründung – stimmte er der Namensgebung des Chores zu. Hugo Jahns und sein Chor studierten neben internationaler Folklore auch Spirituals ein, Lieder, die den afroamerikanischen Sklaven Mut und Trost gaben. Arbeiterlieder der DDR waren dagegen im Chor weniger gefragt.

Diese sollten unter dem zweiten Chorleiter Eckhard Klemm wieder ausgegraben werden. Prompt dezimierte sich die Anzahl der Mitglieder. „Der Chor schrumpfte förmlich. Also konzentrierte sich der Chorleiter auf Spirituals und Protestsongs der amerikanischen Bürgerbewegung. Schön waren immer Jugendweihen. Die jungen Leute waren plötzlich hellwach, wenn sie unsere Songs hörten“, erzählt Ursula Braditz. Sie ist schon Jahrzehnte dabei und kann daher viel über die Geschichte des Chores erzählen. „Wir liebten die Lieder, die Robeson gesungen hatte. Sie verhießen Freiheit und Hoffnung.“ Der Chor wurde in den Jahren 1972 und 1979 jeweils mit dem Titel „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ ausgezeichnet.

Die Wendezeit war für den Chor schwierig. Zunächst kündigte der damalige Chorleiter seinen Vertrag, dann gab es eine Leerlaufphase. Doch man fand Ersatz: Heinz Rozek übernahm im Herbst 1990 die Leitung in Ergänzung mit dem Pianisten Hartmut Valenske. Er wurde ab 1994 von Martin Derday unterstützt, der bis heute die pianistische und stimmbildnerische Arbeit im Chor leistet. Derday übernahm 2003 zum 40-jährigen Jubiläum die Chorleitung, ein Amt, das er bis 2010 inne hatte. Doch er kam anschließend nicht vom Chor los. „Ich fühle mich der Gemeinschaft verbunden und entschied damals daher, den Chor weiterhin als Pianist zu begleiten.“

Die Generalprobe vor dem Jubiläumskonzert ist von einer gewissen Nervosität geprägt. Alle laufen geschäftig umher, stellen noch die letzten Infotafeln auf und sammeln sich schließlich vor dem Altar. Chorleiter Geun-Yong Park stürmt in weißen Chucks und grünem T-Shirt nach vorne. Er ist Südkoreaner und leitet den Chor seit August 2011 und vom Fach. Nach dem Studium der Komposition, des Gesangs und der Korrepetition in seiner Heimat hat er in Kassel im Fach Orchester- und Chordirigat sein Diplom gemacht. Sein Engagement tut dem Chor gut: in den zwei Jahren seiner Amtszeit hat der Paul-Robeson-Chor sechzehn Konzerte gegeben. Er bringt frischen Wind in den Traditionschor.

Nun beginnt die Probe. „Massiert euren linken Nachbarn“ ist die erste Anweisung, die er dem Chor gibt. Entspannung ist aus seiner Sicht entscheidend für gutes Singen. Nach ein paar Atemübungen wird dann die Stimme bemüht. Mit pianistischer Unterstützung von Martin Derday, auch ein ehemaliger Chorleiter, wird der Chor mit einfachen Einsingübungen vorbereitet. Dann muss alles schnell gehen, schließlich soll das ganze Programm für das Konzert durchgesungen werden. Das erste Lied, ein Spiritual, arrangiert von Robert Shaw. „Set Down Servant“ bringt Schwung in den Chor. „I can’t set down“ singt er. Zwischen dem Chorus hat Brigitte Hillmann ihr Solo. Was für eine Stimme von dieser zierlichen Person. Man schaut sich unwillkürlich um, wer denn da singt. Bis in die letzten Reihen der Kirche erklingt ihr „My Lord, you know, that you promised me a long white robe!“ Der Chor stampft und klatscht dazu, es kommt Leben in die starre Backsteinkirche.

Als nächstes steht „Blackbird“ von den Beatles auf dem Programm. Hier gibt es Schwierigkeiten: Die Off-Beats in der Begleitung gelingen im Tenor nicht so genau, wie Geun-Yong Park es gerne hätte. Der Solist Holger Ruschinski braucht ein stabiles metrisches Gerüst, um seine Amsel singen zu können. Martin Derday stellt sich als erfahrener Musiker neben die Tenöre – und prompt klappt alles. Entspannt wird zu Ende gesungen.

Der Paul-Robeson-Chor probt jeden Montag von 18.45 bis 20.45 Uhr im Gemeindesaal der Samariterkirche, Samariterstraße 27/Nähe Bänschstraße.