Porträt

Erziehen und unterhalten

Cooky Ziesche ist die neue Chefin der RBB-Filmredaktion – für beide Seiten ein gewagter Schritt

Die große weite Welt beginnt quasi vor der Haustür. Die dicke Cindy wohnt in Schönefeld, nicht weit vom Flughafen, in der Einflugschneise. Aber das Leben donnert buchstäblich über sie hinweg. Bis die 18-Jährige eines Tages beschließt, auf diese Welt zuzugehen. Und sie sich zu entdecken, in dem sie Bauleute und Geschäftsreisende am Airport kennen lernt. Die erste Klappe für Cindy (und ihre Darstellerin Julia Jendroßek) fällt in neun Tagen. Dann nämlich beginnen die Dreharbeiten für „Schönefeld Boulevard“, den neuen Film von Sylke Enders, die mit „Kroko“ bekannt wurde. Die Flughafenkomödie ist eine von gleich fünf neuen „Leuchtstoff“-Filmen, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) gemeinsam mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg produziert. Kinofilme aus und über die Region.

Glücksfall für die Filmbranche

Verantwortet werden die Spielfilme der Reihe von Cooky Ziesche. Sie hat im vergangenen Jahr auch den ersten „Leuchtstoff“-Film, „Am Himmel der Tag“, betreut. Seit Mitte März nun ist sie die neue Leiterin der Filmabteilung des RBB, nachdem ihre Vorgängerin Rosemarie Wintgen in den Ruhestand ging. Ein Schritt, der Cooky Ziesche nicht ganz leicht fiel. Als wir sie in ihrem Büro an der Masurenallee besuchen und schon beim Tee sitzen, führt sie uns noch mal an die Tür. Und zeigt in die weiten, öden Flure. Einladend wirkt das nicht. Und womit sie auch nicht gut kann, sagt die betont berlinernde Potsdamerin, seien Hierarchien: „Dit bedroht mich.“ Dennoch ist Cooky Ziesche nicht nur eine gute, sondern die bestmögliche Wahl. Sie war lange Redakteurin, hatte von 2001 bis 2007 eine halbe Stelle beim RBB. Bis 2011 hat sie aber auch als Autorin, Dramaturgin und Producerin gearbeitet. Am bekanntesten wurde sie durch ihre Zusammenarbeit mit Andreas Dresen. 1997 haben sie erstmals miteinander gearbeitet für den Fernsehfilm „Raus aus der Haut“. Bei „Nachtgestalten“ wuchsen sie zusammen, und ab „Halbe Treppe“ hatten sie das Gefühl, zusammenzugehören.

Der Filmredakteur hat ja einen schlechten Ruf: Er gilt als der zweite Störfaktor, der einem Regisseur reinredet. Nach dem Produzenten. Wird eine Produktion gut, wird sein Name vergessen. Wird sie schlecht, war es aber seine Schuld. Die Personalie Cooky Ziesche ist da ein Glücksgriff. Gut zu wissen, wenn eine Filmredaktion von jemand geleitet wird, der weiß, wie sensibel Autoren sind und wie zermürbend es für Regisseure ist, auf grünes Licht zu warten. Die Filmredaktion im RBB ist vergleichsweise klein. Nur vier reine Fernsehfilme werden hier im Jahr produziert. Zwei „Tatort“-, zwei„Polizeiruf“-Folgen und ein wenn das Geld reicht, manchmal noch ein ARD-Mittwochsfilm. Ein wenig Liebe zum Krimi muss man also schon mitbringen. Dann aber ist die Redaktion auch zuständig bei Koproduktionen von Kinofilmen. Wie die „RBB Movies“, eine Kooperation mit den Filmhochschulen in Berlin (dffb) und Brandenburg (HFF). Oder eben die im vergangenen Jahr ins Leben gerufene „Leuchtstoff“-Initiative.

Muss man auf die Quote gucken beim RBB? Nein, da ist Cooky Ziesche ganz eisern: „Kinofilm hat keine Quote. Kinofilm muss sich im Kino behaupten. Wir sind nicht der Meinung, dass das eine verlängerte Möglichkeit ist, an Fernsehfilme zu kommen.“ In dieser Hinsicht haben die RBB-Koproduktionen keinen Erfolgsdruck. Bei den reinen Fernsehfilmen sei das indes ganz anders: „Wenn wir ‚Polizeiruf‘ und ‚Tatort‘ einbringen, müssen wir uns an den Quoten messen, die dort erreicht werden.“ Das sei „ganz klar“. Und hier überrascht Frau Ziesche auch mit einem selten so klar formulierten Bekenntnis: „Ich bin eine große Verfechterin von Quote. Wir machen Fernsehen fürs Publikum. Ich möchte Zuschauer haben.“ Lange Pause. „Ich möchte sie auch nicht verpellen.“ Noch eine Pause. Dann doch ein Aber. „Ich möchte sie aber auch ein bisschen erziehen. Ich fühle auch einen öffentlich-rechtlichen Anspruch.“ Erziehen und unterhalten, ein ambitionierter Spagat.

Auch deshalb wurde für die „Leuchtstoff“-Initiative ein solch plakativer Name gewählt. Ein ganz wichtiges Signal für die Zuschauer in der Stadt. Und für die vielen Filmemacher, die hier leben. Zu den fünf neuen Titeln gehört auch „Sommersonnenwende“, eine deutsch-polnische Koproduktion von Michal Rogalski über vier Jugendliche im Polen des Jahres 1943. Die Dreharbeiten beginnen am 27. August. Erstmals fördern RBB und Medienboard auch Abschlussfilme von Studenten beider Filmhochschulen der Region, unter dem Sub-Label „Leuchtstoff-Hochschulfilme“ entstehen gegenwärtig „Ich will mich nicht künstlich aufregen“ vom dffb-Absolvent Max Linz mit Hannelore Hoger und „Nachthelle“ von HFF-Kollege Florian Gottschick mit Michael Gwisdek.

Nicht mehr selber schreiben

Cooky Ziesche ist Feuer und Flamme für den Filmnachwuchs. Auch wenn sie findet, dass es viel zu viele Filmhochschulen und -absolventen gibt. Und zu den wenigen gehört, die das nicht nur hinter vorgehaltener Hand sagen. „Ich mag gar nicht daran denken, wie viele da pro Jahr abgehen und wirklich Talent haben.“ Als Redakteurin könne man da zwar aus dem Vollen schöpfen. „Aber ich habe das Gefühl, das sich langsam zur Gewissheit entwickelt, dass der Großteil keine Chance hat, davon leben zu können.“

Und noch etwas bedauert Cooky Ziesche manchmal. Dass sie in absehbarer Zeit nicht selber schreiben und produzieren kann. „Man kann nicht auf beiden Seiten des Tisches sitzen.“ Da verhalte sie sich auch ganz transparent. Ein wenig geht es ihr da vielleicht wie der eingangs erwähnten Cindy in „Schönefeld Boulevard“: Sie sitzt zwar an der Quelle, aber an den Start gehen die anderen.