Oper

Sex, Öl und Videofilme

Berlin-Mitte tobt jetzt auch in Oberfranken: Volksbühnen-Intendant Frank Castorf und Dirigent Kirill Petrenko ist ein Jahrhundertring gelungen

Nach der Endstation Amerika folgen die Dämonen, auf die US-germanische Pension Schöller sowjetrussische Schuld und Sühne. Das billig-glamouröse „Golden Motel“ des neuen Bayreuther „Rheingold“ mit seinen Luden, Mafiabossen und Porn-Chicks wird in der „Walküre“ abgelöst von der düster-surrealen Version einer frühindustriellen Erdölförderfabrik in Aserbaidschan à la Dostojewski. Die von den roten Brigaden geentert und den letzten Flecken verbliebener Natur durch noch effizientere Massenproduktionsmethoden ersetzen wird.

Genau in dieser Diskontinuität sein Regieansatzes, der die beiden ersten „Ring“-Teile aussehen lässt wie von zwei unterschiedlichen Überzeugungstätern, bleibt sich Frank Castorf treu. Zunächst hippelige Video-Überaktion, jetzt Entdeckung der Wagner-Langsamkeit, die Feier des übergroßen Sängeregos als bühnenfüllendes Memento. Auf der Drehbühne aber schreitet nichts voran, alles kreiselt und bleibt stehen. Im „Rheingold“ geht es nie vom Flussurgrund bis in die Götterburghöhen, in der „Walküre“ landet die fliehende Sieglinde am Ende auf den gleichen Strohballen wie am Anfang. Doch die voranschreitende Opernzeit, sie hat uns transformiert.

Wie im Regietheaterbilderbuch

Wir müssen es uns noch einmal vergegenwärtigen: Frank Castorf, grau und müder, gleichwohl noch nöliger Papst des europaweit nach wie vor theatralisch Schule machenden Berlin-Mitte-Dekonstruktionskunstbetriebs, inszeniert bei den Bayreuther Festspielen zu Richard Wagners 200. Geburtstag dessen Hauptwerk „Der Ring des Nibelungen“. Größer, bedeutender geht es in Deutschland nicht.

Gut, Heiner Müller, Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief, Carl Hegemann und Sebastian Baumgarten waren schon mit wechselndem Erfolg als die Berliner Schule nach Oberfranken transferierende Regievorhut auf dem Grünen Hügel. 2016 folgt noch ein Nachspiel mit Jonathan Meeses Ich-und-er-der-GröFaZ-„Parsifal“. Doch jetzt wirkt hier, am prototypisch deutschen Ort des gerne als rückständig eingeschätzten Hochkultur-Establishments, der beinhart sozialistische Chefstratege höchstselbst.

Wer hatte gedacht, dass, was einmal mit den rotzig-rüden DDR-„Räubern“ kurz vor deren endgültigem Ende 1990 und – mehr noch – 1992 zu Eröffnung der Intendanz Castorf mit dem in den Zinkeimer pinkelnden „Lear“ begann, zwei Jahrzehnte später in Bayreuth völlig salonfähig sein würde: ein entspannt souveränes „Rheingold“ als scherzohafter Vorabend, wie er im Regietheaterbilderbuch steht, als bis auf von drei, vier misslaunigen Buhrufern gestörte, ansonsten hell bejubelte Apotheose des Prinzips Volksbühne!

Jetzt müssen wir von der Musik reden. Denn das Tollste an diesem neuen Bayreuther „Ring“, und das lässt sich zu Halbzeit schon ganz bestimmt sagen, ist das Teufelskerlchen Kirill Petrenko im Graben. Der ist, eigentlich vom ersten Es-Dur-Rheinurgrund-Takt an, ein famoser Geschichtenerzähler. Anders als der romantisch pastose Verführer, Vermischer und Verquirler Thielemann ein klassizistisch-eleganter, aber genauso abgefeimter, glänzend über alle klangdramaturgischen Mittel verfügender.

Kirill Petrenko versteht es wunderbar, gleichzeitig die große Klangtotale im Blick zu haben und an vielen Details zu malen, ohne dass es tüfftelig wird. Fast unheimlich, wie er als Hügel-Debütant bereits die hier so heikle akustische Feinabstimmung beherrscht, die Sänger nie zudeckt, aber auch den orchestralen Momenten zu ihrem Recht verhilft. Die Holzbläser liebt er besonders, und es sind deshalb oft die peripheren, stillen Momente, etwa der kurze Brünnhilden-Monolog vor dem Beginn der dritten Szene im zweiten „Walküre“-Akt, wo diese wie nie gehört, klar und warm leuchtend zu ihrem Recht kommen.

Petrenko kann aber auch mächtig werden, nie freilich martialisch. Er ist ein sehr menschlicher, ja gütiger Leitmotiv-Führer, der sich noch an den kleinsten Tonbrosamen freut, auf sie ohne Penetranz hinweist, aber nie den Sinn fürs Ganze außer Acht lässt. Die Szenenübergänge sind famos tönende Tableaus. Stufenlos schnell zieht Petrenko am Dynamikregler, seine feinfühlige Agogik belebt mit ihrem subtilen Verlangsamen und Schnellerwerden die Szene.

Was natürlich mutwillig, aber offensichtlich in bester künstlerischer Übereinkunft, von Frank Castorf unterbrochen wird. Der wird sich zudem gesagt haben, was muss ich hier erklären, was in Bayreuth sowieso schon jeder weiß? Wotan hat also seine zwei Augen, den Speer führt er nur selten mit sich. Nirgendwo sind Freias lebensspendende Äpfelchen. Der Ring wird im Video rangezoomt, der muss nicht noch für die letzte Reihe spektakulär aussehen. Alberichs Verwandlung in Schlange und Kröte sind Filmtricks. Und das klanglich blühende, ja glühende Wälsungenblut der beiden inzestuösen Geschwister wird szenisch konterkariert durch die Erschaffung eines neuen Arbeitergeschlechts als Schwarzweiß-Bilderbogen.

Gleichzeitig muss es ihm, der selbst sechs Kinder mit vier Frauen hat, im „Rheingold“ diebischen Spaß bereitet haben, zu sehen, wie die Prinzipien Wagner und Castorf hier deckungsgleich werden, wie sehr der einstige Germanengott Wotan und seine Brut mit diversen Damen dem üblichen Personal vom Rosa-Luxemburg-Platz ähnelt. Und auch Aleksandar Denic, sein neuer Leibbühnenbilder, hat vor allem Bert Neumanns frühere All-in-One-Arrangements auf der als stehendes Jetzt kreiselnden Drehscheibe ins Monströse und De-Luxe-Hafte zu mythisch-irreale Schauplätzen gesteigert.

Sex, Öl und Videospiele. Das sind Castorfs inhaltlich-ästhetische Prinzipien. Doch in der „Walküre“ herrscht zunächst Dunkel, Schlagschatten vor, wir sehen eine bühnenhohe surrealistische Holzkonstruktion als glühbirnchenbeleuchtete Mischung aus Bohrturmkathedrale, Freisitz, Werkhalle und angeklebter Hundingshütte nebst Truthahnkäfig.

Aus Texas, wo man einst das erste Öl gefunden hat, geht es nach Baku, wo es Anfang des 20. Jahrhunderts industriell abgebaut wurde. Schlieren bedecken den Boden, die Familie Wotan ist im Petrolbussinnes: Gattin Fricka (kapriziös schnippisch: Claudia Mahnke) gibt Geld für teure Klamotten aus, Wunschmaid Brünnhilde als zupackende Anzugträgerin schafft es mit zusätzlicher Sprengstoffproduktion heran. Nur Sieglinde (bannend, doch höhenklirrend: Anja Kampe), die auserkorene Siegfried-Mutter, verharrt in ihrem bäuerlichen Status. Dabei ist Gatte Hunding (machtvoll spießig: Franz Josef Selig durchaus wie Alfred Krupp gekleidet).

Die Helden der Revolte

Wotan, nun mit Kosakenrauschebart, gibt sich reputierlich, er ist jetzt Unternehmer. Weniger sind nun die Videos, jetzt auf Betttücher und Sonnensegel wie Stummfilme produziert. Sie zeigen Stalin, Lenin, den neuen Sowjetmenschen, dessen fünfzackiger Stern zum Walkürenritt auf dem mit Parolen beschmierten Turm leuchtet, während die Helden der Revolte auf dem Weg zu Spitze tot zusammenbrechen.

Glänzend der Aufmarsch der Damen als aserbaidschanische Nomenklatura, dafür verlangsamt Castorf die Aktionen davor und danach immer mehr. Die großen Monologe stehen still, man kann sich auf die Sängerpersönlichkeiten konzentrieren, die pianozarte, gefasste Brünnhilde der Catherine Foster, die ihre Hojotoho-Rufe schön singt, aber auch ein trompetendes Forte hat und in einem Stockbett auf Siegfried warten muss, während der vokal noble, wortdeutliche, auch in seinem Unterstatement packende Wotan des Wolfgang Koch zum Feuerzauber ein Ölfass zündet. Auch schade, dass der satte Siegmund des sogar fast zum Fahrradfahren verführten Johan Botha bald tot ist.

Wir wissen nicht wie das wird, was Castorf auf dem „Siegfried“-Weg zum Berliner Alexanderplatz noch so einfällt. Aber wir können jetzt schon sagen: Es wird wohl ein bedeutende, vielleicht sogar an die längst verklärte Chéreau-Tetralogie anknüpfende, werden. Nicht nur wegen des fantastischen Dirigats und der passgenauen, selten geschlossenen Sängerbesetzung. Was hier lange keine Selbstverständlichkeit mehr war.