Bühne

Der gespielte Herrenwitz, vorgetragen von einer Frau

Zalando reimt sich auf Orlando: Ina Müller gibt den Mario Barth in der Wuhlheide und singt auch was dazu

Es ist ja eigentlich charmant, das „TT“ in Mitte wie „DD“ auszusprechen, ein bisschen obszön zu sein, vielleicht sogar versehentlich aufzustoßen. Kann den Besten mal passieren. Der Typ Frau als bester Kumpel, der Dir Dein Bier wegtrinkt, vielleicht wollen das einige. Aber dann einen Abend fast drei Stunden lang nur mit Witzen über Frauen, Schuhe, Sex im Alter, Pupsen im Porsche, wieder Frauen, noch mal Schuhe, und zum dritten Mal Schokolade und so weiter zu füllen, das ist dann doch zu viel. Ina Müller, die nordische Walküre, die Grimme-Preisträgerin, sie gibt kein Konzert an diesem Abend in der Wuhlheide, sie gibt den Mario Barth.

Es sind schon über zwanzig Minuten vergangen seitdem sie auf die Bühne gegangen ist und Ina Müller hat gerade mal drei Songs gespielt. Für jeden Akkord des Gitarristen, für jedes Ah der Backgroundsängerinnen, für jedes Bumm-Tschack des Schlagzeugers erzählt Müller wieder einen Witz. Sie gehe ja nicht mehr an den Strand, ab Ende vierzig würden Frauen für nichts mehr gebraucht, sagt sie, „weder für die Fortpflanzung, noch für den Beach“. „Wir haben keine Aufgabe mehr!“, beklagt sich die Frau, die eine hat, die in ihrer erfolgreichen Sendung „Inas Nacht“ Korn und Bier in Strömen fließen lässt, in die Rachen ihrer Käste schüttet und dazu so was sagt wie „Prost Jungs“ oder „Geile Scheiße“. Aber jetzt erzählt sie von Hitzewallungen in den Wechseljahren. „Das sind die Jahre, wo ihr eure Frauen auswechselt“, ruft sie in die Wuhlheide. Hihi, Haha. Dann wieder ein Song.

„Dumm kickt gut“

Vergangenen Donnerstag ist sie 48 geworden. Ina Müller ist eine Spätberufene. Erst macht sie eine Ausbildung zur PTA, sie arbeitet in Apotheken in Bremen, Sylt und München. 1994 gründet sie ein Kabarett-Truppe. Irgendwie rutscht sie ins Fernsehen rein. Im NDR moderiert sie etwas mehr als zehn Jahre. 2008 wird sie mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, 2010 mit dem Grimme-Preis.

In Grundzügen kann man durchaus Verständnis für Ina Müllers Programm aufbringen. Sie, die Schöne, die Ewig-Junge, die Selbstbewusste, kommt ins Zweifeln, wenn sie die Vergänglichkeit des Lebens überdenkt, und das ist wiederum ein Gefühl, das viele teilen. Also sing sie darüber. Und in der Mitte findet ihre Lyrik Gehör. Ihre Stücke heißen „Auf Halber Strecke“, „Dumm kickt gut“, sie singt von Youporn und Zalando und zeichnet ein einfältiges Bild des zwischenmenschlichen Zusammenlebens.

Mit gestreiftem Kleid und Strickjacke drüber wedelt sie mit der rechten Hand schnipsend über die Bühne. Ihre Stimme ist kratzig. Müller hat in Bars singen gelernt, das hört man. „Wie oft hat sie sich schon gefragt, ob sie wieder aufhören kann/ aber nichts macht sie so an/ Weder Robin, noch Til Schweiger, noch Orlando/ sie schreit nur noch bei Zalando“. Und auch dafür gibt es Applaus. Im Bett läuft nichts mehr, die Ehe ist langweilig, beide liegen Abend für Abend mit dem Laptop nebeneinander, den einzigen Kick den man sich als unterbeschäftige Hausfrau noch holen kann, so Müller, ist ein Schuheinkauf im Internet. Ina Müller macht sich auf Kosten ihrer eigenen Zielgruppe lustig. Zwischen ihren Locken, dem Strahlegrinsen und der Bierlaune versteckt sie Publikumsbeschimpfungen.

Ab und an bittet sie verschiedene Bühnenarbeiter nach oben. Einen Sicherheitsmann. Noch einen Sicherheitsmann. Ina Müller grüßt die Sanitäter. Einer vom Personal darf einen Witz erzählen. Das ist wahrscheinlich ihr Stage-Manager. Der hat so ein Funkgerät an seiner Schulter. „Ich spiel' mit Deinem Gerät“, bemerkt die Entertrainerin, als sie das Ding erblickt. Hihi. Haha. Und dann kommt endlich der Witz: „Geht eine alte Frau zu einer jungen Mutter mit nagelneuem Kinderwagen. Sieht ja aus wie geleckt, sagt die Alte. Na ja, ein bisschen Bumsen war auch dabei, sagt die junge Mutter dann.“ Ihr Lieblingswitz sei das, meint Ina Müller noch.

Ina Müller hatte keinen Diskursabend an der UdK versprochen. Aber sie erzählt Herrenwitze, die Otto Waalkes, Mike Krüger und Karl Dall die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen würde.