Gedenken

Er hatte seine eigene Zeit

Tod eines Eigenbrötlers: Der amerikanische Songschreiber und Sänger J.J. Cale stirbt mit 74 Jahren

Unter den amerikanischen Songschreibern war J. J. Cale ein unsichtbarer Riese. Er war ein scheuer, bescheidener Mann. Er mochte keine Reisen. Er hatte Flugangst. Er hatte bloß einen großen Hit, „Cocaine“, an den sich nur ältere Semester erinnern, denn er datiert von 1977. J. J. Cale blieb ein Rätsel. Musikjournalisten arbeiteten sich an ihm ab, doch offenbar gab es gar kein Geheimnis um den Eigenbrötler: Er war irgendwie immer da, lebte in Los Angeles und schrieb sehr entspannte Songs.

Es fehlte der Antrieb

Cale war immer etwas hinter dem Beat: Das ist eine schöne Metapher für einen Spätstarter, der dem Mainstream gelassen hinterher ging und dem es egal war, wo gerade die Musik spielte. Als „Cocaine“ erschien, hörte man Disco und Punk. Cale hatte seine eigene Zeit. Er wurde am 5. Dezember 1938 als John Weldon Cale in Tulsa, Oklahoma, geboren. Oklahoma ist amerikanisches Heartland; es herrschte in den 30er-Jahren große Armut unter der Landbevölkerung, die sich auf den Weg nach Kalifornien machte, um Arbeit zu finden. Doch die „Okies“, wie sie genannt wurden, waren nicht willkommen, arbeiteten für Hungerlöhne, wurden ausgebeutet oder zurückgeschickt. Cale beendete 1956 die High School und nahm als Johnny Cale einige Singles auf, eher er in den frühen 60er-Jahren nach Los Angeles zog. Dort wollte kaum jemand seine Songs hören, und Cale arbeitete als Toningenieur in den zahlreichen Studios. Nach einigen Jahren durfte er immerhin in dem Club Whisky A Go Go auf dem Sunset Strip auftreten. Weil bei der Band The Velvet Underground ein walisischer Musiker namens John Cale spielte, schlug der Club-Besitzer Elmer Valentine das Pseudonym J. J. Cale vor. Später behaupteten manche Lexika, dahinter verberge sich „Jean Jacques“, und das wurde tüchtig abgeschrieben.

In Wahrheit verbarg sich John Cale dahinter, dem der Antrieb für eine richtige Karriere fehlte. Während in Los Angeles ansässige Songschreiber wie Neil Young, Crosby, Stills & Nash, Randy Newman, Jimmy Webb, Frank Zappa, Van Dyke Parks und Harry Nilsson mit Plattenverträgen ausgestattet wurden, gniedelte der mürrisch wirkende Cale weiter im Spätprogramm. Bis 1970 der vom Drogenkonsum angeschlagene Eric Clapton das Stück „After Midnight“ hörte, einen Song mit unterschwelligem Groove wie die meisten Songs von J. J. Cale. Clapton nahm „After Midnight“ auf, es wurde so etwas wie sein Erkennungslied, und noch heute spielte er es bei fast jedem Konzert. Der Engländer protegierte Cale fortan, was dem 1972 endlich einen Vertrag einbrachte. „Naturally“, das Debüt-Album, verkaufte ganz ordentlich, mehr nicht. Und so sollte es 40 Jahre lang mit Cales Platten bleiben, die von überschaubarer Zahl waren und schon im Titel den Minimalismus andeuten: „Really“, „Okie“, „5“, „Number 10“, „Guitar Man“.

Ähnlich lakonisch schrummte Cale auch seinen Stil, der zwischen Blues und Jazz changiert und manchmal einen Haken zum Cajun, der Musik der französischen Einwanderer, schlägt. Sein Gesang war ein knorriges, zweckdienliches Instrument mit Texten über Freunde, Straßen, die Natur, das Wetter und Befindlichkeiten - Dinge also, über die man nachdenkt, wenn man im Schaukelstuhl auf einer Verada sitzt und nichts zu tun hat außer, vielleicht eine Limonade zu trinken. 1972 hätte Cale sein Lied „Crazy Mama“ höher in die Charts bringen können, wenn er im populären „American Bandstand“ aufgetreten wäre. Doch er konnte seine Band nicht zusammenbekommen, und zum Playback wollte er nicht die Lippen bewegen. So blieb es bei Platz 22. Und weil J. J. Cale praktisch gar nicht reiste, verpasste er all die Promotion-Auftritte, Konzerte und Fernseh-Shows, die Geringere berühmt machen.

Sein letztes Album, „Roll On“, erschien 2009, und der letzte Song darauf heißt „Bring Down The Curtain“. Der Mann, der wie eine Brise spielen konnte, starb in der Nacht zum Sonnabend in Kalifornien, nach einem Herzinfarkt.