Trickfilm

In Walt Disneys Allerheiligstem

Die „Animation Research Library“ verwahrt die Geschichte des Trickstudios. Ein Besuch an einem verschlossenen Ort

Disneys Zeichner nannten es schlicht „the morgue“, das Leichenschauhaus. Wenn eine Serie von Animationsphasen den langwierigen Produktionsprozess durchlaufen hatte, fand sie ihre letzte Ruhestätte in jenem monströsen Kellerarchiv, das Walt persönlich unter dem „ink and paint“-Gebäude seines Studios angelegt hatte: Da, wo die Bleistift-Reinzeichnungen von fleißigen Frauenhänden in minutiöser Fließbandarbeit erst auf Folien übertragen und dann koloriert wurden, fanden sie auch ihre letzte Ruhestätte. Mit letzteren, den heute bei Sammlern so begehrten „Cels“, ging man weniger zimperlich um: Die schönsten wurden zerschnitten, auf Hintergründe geklebt und über die Courvoisier-Galerie in San Francisco massenhaft an Fans verkauft.

Die wenigen, die es noch bei Disney gibt, wurden als Farbmuster archiviert. Allein von „Schneewittchen“ gingen in den Dreißigern 8136 Cels, 150 Hintergründe, 206 Story-Sketche und 500 Animationszeichnungen über die Ladentische. Unzählige weitere Originale verschenkte Disney großzügig an seine Gäste. Für Schlüsselszenen aus Klassikern, bei denen gut erhaltene Cels auf originalen Hintergründen liegen, erzielen Auktionshäuser enorme Summen: Knapp 100.000 Euro wurden im vergangenen Jahr für solch eine Szene aus „Schneewittchen“ bezahlt – ein Porträt der Hexe über dem brodelnden Giftkessel.

Wer war wohl „Streubel Peter“?

Einmal „abgedreht“, hatte das lupenreine Pinselwerk für Walt seine Schuldigkeit getan. Da kann man vom Glück sagen, dass noch etwas zurückgeblieben ist. Etwas? „Wir haben hier 64 Millionen Sammlungsstücke“, sagt Fox Carney, langjähriger „research manager“ in der „Morgue“, deren offizieller Name „Animation Research Library“ lautet. Heute befindet sie sich außerhalb des Studiogeländes in kalifornischen Burbank.

Unter Trickfilmfans ist diese Schatzkammer das Allerheiligste, schon weil man normalerweise nicht hinein kommt; sie steht nur Disneymitarbeitern offen. Selbst seriöse Forschungsreisen enden meist beim „Disney Archive“, wo sich das Schriftgut, etwa die Drehbücher und abfotografierten Storyboards befinden, aber keine originalen Zeichnungen. Nun öffnete die Library erstmals ihre Pforten für eine Handvoll Journalisten.

Der unscheinbare Zweckbau hat es in sich: Klimatisiert nach strengsten Museumsvorgaben, stapelt sich in endlosen Regalen die gesamte Studiogeschichte seit den 20er-Jahren: Film für Film ruht da in säurefreien Museumskartons, Szene für Szene katalogisiert. „Vault 3“, eine ganze Halle, ist nur den abendfüllenden Meisterwerken vorbehalten, Klassiker wie „Bambi“ oder „Fantasia“ belegen ganze Korridore. Doch selbst Kurzfilme und sogar Skizzen von nie abgeschlossenen Projekten warten in der Library auf ein zweites Leben. Vielleicht sogar der „Struwwelpeter“?

Mitte der 30er-Jahre arbeitete der ungarische Disneyzeichner Ferdinand Horvath (1891–1973) an einer Version des deutschen Kinderbuch-Klassikers, die es nie über das Skizzenstadium hinausschaffte. Bis heute blieb der Bezug zur berühmten Vorlage unerkannt – amerikanische Forscher konnten mit dem Titel „Streubel Peter“ nichts anfangen. Doch die erhaltenen Buntstiftzeichnungen reichen aus, um die Entwicklung des langhaarigen Burschen zur Filmfigur nachzuvollziehen, ein Paradebeispiel von „Disneyfiction“.

Walt, der seine frühe Kindheit auf einer Farm im Mittleren Westen immer glorifizierte, sah ihn offenkundig als Rotzbengel vom Bauernhof, der Hühner mit der Steinschleuder jagt, die Katze am Schwanz hochhält und – heute im Familienkino des Weltkonzerns undenkbar – sogar an einer Pfeife pafft. Zum Ende des geplanten Films nehmen die Tiere dafür Rache. Kein geringerer als Mark Twain hatte Heinrich Hoffmanns moralische Kindergedichte ins Englische übertragen, was lag näher, als dem frechen Peter einen Hauch von Huckleberry Finn zu verpassen? Verwerflich ist an Disneys Struwwelpeter nicht sein ungepflegtes Äußeres – das wollte er einem Landjungen kaum zum Vorwurf machen –, sondern der schlechte Charakter.

Der als eigenbrötlerisch geltende Horvath – sein Meisterstück sind erste Entwürfe für Schneewittchens gruselige Flucht durch den dunklen Wald – signierte alles, was er machte. Auch wenn Walt seine Arbeit schätzte – im Vorspann wurde Horvath nie erwähnt. Nach vier Jahren, nur zwei Monate vor der Premiere von „Schneewittchen“, verließ er die blühende Trickfilmschmiede. Eine Disney-Legende wurde er trotzdem, gerade weil er nicht zu den kalifornischen Frohnaturen passte und sogar über das sonnige Klima schimpfte: „Wir dachten, er wäre Draculas Vetter“, erinnerte sich später der Animator Ward Kimball.

Lange vor Fernsehen und Video, in einer Zeit, als man in Hollywood nur für die Gegenwart produzierte, dachte Disney – darin liegt unter anderem sein Genie – stets an die Zukunft: In der Wahl seiner zeitlosen Geschichten, aber auch in der peniblen Archivierung aller Möglichkeiten ihrer Umsetzung. Auch nach seinem Tod blieb so der „Disneystil“ lebendig. Bis heute: Zuletzt stellte sich der Zeichentrickfilm „Rapunzel“ erfolgreich in diese Märchenfilmtradition. Sichtbares Vorbild der selbstbewussten Teenagerprinzessin war der Klassiker „Dornröschen“ von 1959. So blicken Disneys Zeichner immer auch zurück.

„Als wir hier etwa 1986 den Film ‚Basil, der große Mäusedetektiv‘ machten“, erinnert sich Carney, „bestellte sich der Animator Glen Keane die Arbeiten des Mäusespezialisten Fred Moore aus den Dreißigern auf seinen Zeichentisch. Da konnte er sie vor sich abblättern und gleichsam dem Meister über die Schulter blicken.“ Sein Kollege Mark Henn, der sich bei seiner Arbeit an „Arielle – Die Meerjungfrau“ bei den Prinzessinnen-Machern der Vergangenheit umsehen konnte, bestätigt, wie gern er die Dienste der Library nutzte: „Damals ging man einfach hin und konnte sich mitnehmen, was man wollte. Heute ist das allerdings, vorsichtig ausgedrückt, etwas umständlicher.“ Ein Bildband, den die Library im vergangenen Jahr unter dem Titel „Story“ veröffentlichte, endet mit Entwürfen zur „Kleinen Meerjungfrau“ – angefertigt um 1940 vom Dänen Kay Nielsen –, rund fünf Jahrzehnte vor Vollendung. „Keine Idee geht verloren“, kommentiert Library-Managerin Lella Smith den Fund.

Das alte Leihkarten-System zur problemlosen Übergabe an Zeichner, die sich mit den Entwürfen aus der Vergangenheit beschäftigen wollen, wurde lange abgeschafft. Man spricht nicht gern über die Verluste, die dieses einzigartige Archiv schon zu beklagen hatte. Doch allein der Schwund an Originalen von Salvador Dalí, der 1946 im Disneystudio am Kurzfilm „Destino“ arbeitete – vollendet wurde das surrealistische Kleinod erst 1999 –, war irgendwann nicht mehr zu übersehen. Heute herrschen hier die Sicherheitsvorkehrungen großer Kunstmuseen. Und selbstverständlich behandelt man die Originale wie rohe Eier.

Im Vorbeigehen bemerke ich einen Schubladenschrank, der eigens gebaut wurde, um besonders kostbare Gemälde zu verwahren: Es sind Glasmalereien, die für die Multiplan-Kamera angefertigt wurden, jenes 3,50 Meter hohe Aufnahmegerüst, das Disneys Kamera etwa in die gemalten Wälder von „Bambi“ eintauchen ließ. Großzügig öffnet Carney eine Schublade mit der Aufschrift „Dschungelbuch“: Die Materialien dieses Klassikers hat man gerade erst aufgearbeitet, im September wird der Film erstmals auf Blu-ray erscheinen.

Mit seinen weißen Baumwollhandschuhen zum eleganten schwarzen Oberhemd weckt Carney unwillkürlich Erinnerungen an die berühmte Maus, die der Firma zu Weltruhm verhalf. „Auch die Zeichner müssen hier Handschuhe tragen“, erzählt er, „selbst wenn sie ihre eigenen Werke ansehen wollen. Aber bei uns ist es ja so: Sobald eine Zeichnung den Arbeitsprozess durchlaufen hat, verwandelt sie sich in ein Artefakt.“

Und viele sind von ergreifender Schönheit. Lella Smith präsentiert ein frühes Pastell zum „Dschungelbuch“, ein sogenanntes „inspirational painting“. Es zeigt Mogli, das Menschenkind, und Baghira, den Panther, vor einer Buddha-Statue, eine Szene, die ebenso wenig in den Film einging wie die legendäre Sequenz vom einsamen Nashorn. Walt Disney strich sie persönlich aus dem Storyboard, weil er glaubte, noch ein Höhepunkt sei zu viel nach der großen Szene mit dem Affenkönig. „Früher fragten wir die großen Museen, wie man Trickfilmzeichnungen, Cels und Hintergründe am besten konservieren kann. Nun fragt man uns. Gemeinsam mit dem Getty-Museum arbeiten wir an der Entwicklung neuer Archivmaterialien.“

Bedächtige Bibliotheksruhe gibt es kaum hier. Ein Heer von Mitarbeitern ist rund um die Uhr mit der Digitalisierung des Bestands beschäftigt. Es ist ein Copyshop mit Spitzentechnologie. „160 Zeichnungen schaffen wir in einer Stunde“, erklärt einer der Mitarbeiter, der gerade ein Meisterstück gesichert hat: Shere Khan, der Tiger, animiert von Meisterzeichner Milt Kahl. Animalische und menschliche Züge vermischen sich in dieser Sternstunde der Trickfilmkunst.

Jedes Blatt wird vorsichtig mit der hohen Auflösung von 8000 mal 10.000 Pixeln abfotografiert, um den Zeichnern einen digitalen Zugriff zu eröffnen. Oder künftigen Blu-ray-Konsumenten: Stunden von Bonus-Materialien kann man aus dem Fundus generieren. Ein anderer Mitarbeiter arbeitet sich gerade durch einen Ordner mit Hunderten von Storyboard-Skizzen für „Dornröschen“. „An der Anzahl der Löcher sehen wir, wie oft die Blätter an die Wand geheftet wurden – und sich damit in der Story-Entwicklung behaupten konnten. So können wir mehrere Versionen rekonstruieren.“

„Sie lassen uns unsere Hobbys“

Allerdings wundert sich der Besucher in der Library über Dutzende bunt bemalter E-Gitarren-Körper. „Das ist das Schöne an Disney“, sagt der Mitarbeiter: „Sie lassen uns unsere Hobbys“. Allerdings war es nicht Walts Art, den Künstlern seine Wertschätzung offen mitzuteilen. „Das größte Lob, das man von ihm hörte, war: ,Das können wir gebrauchen‘“, erzählt der 86-jährige Songschreiber Richard M. Sherman, einer der wenigen überlebenden Künstler des „Dschungelbuchs“. Zum krönenden Abschluss dieses Tags bei Disney singt er an einem Flügel im Animationsstudio noch einmal die alten Lieder. Doch auch wenn Walt mit Worten geizte: Seine Research Library verwahrt die Werke seiner Mitarbeiter für die Ewigkeit.