Festspiele

Wagner vollgetankt

Der Berliner Regisseur Frank Castorf inszeniert erstmals in Bayreuth. Tenor René Kollo, einst der beste Wagner-Tenor der Welt, hat sich „Rheingold“ angeschaut – und war wenig begeistert

Die beiden Jahrhundert-Siegfriede brauchen erst mal ein Bier auf den Ärger. Jeder ein Helles. Sie stoßen an und seufzen. „Jaja“, sagen sie oder: „Tja“. Dann nehmen sie wieder einen Schluck und starren vor sich hin. Die Stimmung ist gedrückt an Tisch 30, dem Stammtisch mit dem Schildchen „Solisten“, gleich links vor dem Lokaleingang. Dass sie das auf ihre alten Tage noch erleben müssen. „Jaja.“ - „Tja.“ Irgendwann kommt ihr alter Freund dazu. Der Jahrhundert-Wotan. Auch er ist ratlos.

René Kollo, der eine Jahrhundert-Siegfried, bricht das Schweigen. Er präsidiert am Kopfende, das dunkle Jackett mit dem roten Einstecktuch hängt auf halb acht über der Gartenstuhllehne. Er kommt gerade „von oben“, wie er sagt. Vom Hügel mit dem Festspielhaus, 15 Gehminuten von Tisch 30 entfernt. Generalprobe der neuen „Rheingold“-Inszenierung, eine Woche vor Festspielbeginn. Kollo haut auf den Tisch. Spricht von Unfähigkeit, von Dummheit. „Das hat nichts, aber auch gar nichts mit Wagner zu tun. Da war ja nicht mal ein einziger Nibelung.“ Seine beiden Kollegen schauen in ihr Bier. Sie scheinen nichts anderes erwartet zu haben. Im Gegensatz zu Kollo haben sie sich das neue „Rheingold“ gar nicht erst angesehen.

Das Hotel „Weihenstephan“ an der Bahnhofstraße, schräg gegenüber von der „Parsifal-Apotheke“, ist eine Art Festspiel-Vereinslokal. Hier versammeln sich die Veteranen. Kaum ein Passant ahnt, dass die grauen Herren von Tisch 30 selber mal die großen Rollen sangen, „da oben“. Jetzt treffen sich die Ehemaligen immer in der Woche vor der Festspieleröffnung, wenn die Generalproben laufen, um über den neuesten „Holländer“ zu lästern und auf die alten Zeiten anzustoßen. Bayreuths Golden Boys.

„Dieser Schnickschnack“

René Kollo ist ihr heimlicher Vorsitzender, eine Art Ehrenspielführer. Keiner hier an Tisch 30 war so erfolgreich wie er. In den Siebzigern und Achtzigern war Kollo der beste Wagner-Tenor der Welt, 18-Meter-Segeljacht „Kareol“ auf Mallorca, benannt nach der Burg aus „Tristan und Isolde“. In Bayreuth war Kollo damals der Held vom Dienst. Er sang den Lohengrin, den Stolzing, den Tristan. Und 1976 war er der Siegfried in Patrice Chéreaus „Ring des Nibelungen“.

Die Produktion ging als Jahrhundert-„Ring“ in die Geschichte ein. Weil sie 100 Jahre nach der „Ring“-Uraufführung und nach der Gründung der Festspiele lief. Und weil sie so gut war. Neben Kollo sitzt Manfred Jung, der andere Jahrhundert-Siegfried, der Kollo später in Chéreaus „Ring“ ersetzte, und der Jahrhundert-Wotan zwei Plätze weiter, der 1976 auch dabei war, heißt Hans Sotin. Wenn jemand sich mit Jubiläums-„Ringen“ auskennt, dann diese Runde.

Kollo rührt mit der Gabel in seinem Bier, um die „Was hat irgendeine Tankstelle mit dem ,Rheingold‘ zu tun? Ich lehne es ab, über so was Absurdes überhaupt nachzudenken.“ Er haut Kohlensäure zu vertreiben. Er ist wütend auf Castorfs „Rheingold“, „diesen Schnickschnack“, so sehr, dass er sogar den geplanten Ausflug in die „Götterdämmerung“-Generalprobe in ein paar Tagen verworfen hat.

Nur die Sänger findet er zumindest „anständig“, wenn man davon absieht, dass Sänger in Kollos Augen heutzutage sowieso alle verweichlicht sind. „Wir konnten damals nach der Vorstellung auch fünf oder sechs Bier trinken oder zwei Flaschen Wein. Heute können die Leute keinen Ton singen, ohne ständig eine Wasserflasche in der Nähe zu haben. Wir wussten damals gar nicht, wie Wasser geschrieben wird, und haben, glaube ich, auch ganz gut gesungen.“

Der 75-jährige René Kollo, der in Berlin lebt, ist Regietheater-Muffel. Die letzten Wagner-Inszenierungen, die er gut fand, waren der Jahrhundert-„Ring“ und ein Bayreuther „Tristan“ in der Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle. Beides ist Jahrzehnte her. Seine innige Beziehung zur Münchner Staatsoper brach er über Nacht ab, weil er in der neuen „Tannhäuser“-Inszenierung einen Aktenkoffer durch den Venusberg tragen sollte.

Das kann man für starrsinnig halten, für gestrig. Aber viele Operngänger stehen dem Regietheater ähnlich unwillig gegenüber wie Kollo, in Bayreuth besonders. Viele glauben an ein Recht auf Überwältigung und Pathos. Die Festspielleitung glaubt, dass sie die Wagner-Fans zu modernen Bühnen-Ästhetiken und Regiekonzepten erziehen kann.

Keine leichte Ausgangssituation für Frank Castorf. Die ersten beiden Teile seines „Rings“, „Rheingold“ und „Walküre“, hatten am Freitag, beziehungsweise Samstag Premiere. Am Montag und Mittwoch werden „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ folgen. Das Ganze soll den Hügel wieder zum Mittelpunkt aller Wagner-Deutungen machen, symbolträchtig im Jahr von Wagners 200. Geburtstag. Verlangt wird nichts anderes als ein zweiter Jahrhundert-„Ring“.

Was Castorf vorhat, lässt sich am „Rheingold“ bereits erkennen. Er schrumpft das Weltendrama auf menschliches Normalmaß: Das drehbare Bühnenbild ist ein heruntergekommenes texanisches Motel an der Route 66. Auf der Rückseite gibt es einen Swimmingpool, auf der Vorderseite eine Tankstelle. Der Mercedes, Baureihe „Strich-Acht“, der zwischendurch an der Zapfsäule hält, deutet auf Sechziger-, Siebzigerjahre. Und indirekt, als Symbol für sorglosen Benzinverbrauch, auch auf Castorfs großes Thema: Das Objekt der Begierde ist in diesem „Ring“ nicht Gold, sondern Erdöl. Die „Walküre“ soll im Fördergebiet Baku spielen. In der „Götterdämmerung“ wird die Wall Street auf der Bühne zu sehen sein, als Symbol für Rohstoffspekulationen, Spekulation überhaupt.

Die Rheintöchter sind diesmal leicht bekleidete, großbusige Blondinen, die den Pool bewachen und Gin aus Wassergläsern trinken. Alberich, ein mutmaßlicher Motelgast mit Koteletten und Bademantel überm Unterhemd, baggert die drei vergeblich an. Wotan, ein neureicher Halbweltboss mit rosa Anzug und nach hinten gegelten schwarzen Haaren, raucht viel und trinkt noch mehr Schnaps. Die Riesen Fasolt und Fafner tragen blaue Arbeiteroveralls. Wenn er wütend wird, schwingt Fafner einen riesigen Schraubenschlüssel und demoliert den Tankstellenkiosk. Es ist das Requisit, mit dem Castorf dem Urtext noch am nächsten kommt. Das Libretto bemerkt zu den Riesen: „Mit starken Pfählen bewaffnet.“

Dabei wuseln ständig Kameramänner auf der Bühne herum. Die Bilder werden live auf der mächtigen Videoleinwand auf dem Dach des Motels gezeigt. So können die Zuschauer dann auch Szenen beobachten, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen. Sie erleben die Sänger in Nahaufnahme, sehen jede Mimik, sehen sie schwitzen. Auch Figuren, die gerade nichts zu singen haben, tauchen auf, prosten jemandem zu, tauschen verstohlen Blicke, Fotos oder Geldscheine. Dadurch erzielt Castorf eine kurzweilige Gangsterfilm-Optik. Aber was er mit seinem „Ring“ sagen will, erschließt sich nach dem „Rheingold“ noch nicht.

Der Tisch 30, am Morgen nach der Generalprobe. Diesmal ist René Kollo allein. Vor ihm eine Wagner-Monografie und Reclam-Hefte mit den Texten von „Parsifal“ und den „Meistersingern“. Der Jahrhundert-Siegfried in Ruhe recherchiert für ein Wagner-Buch. Heute trägt Kollo ein rosa Hawaiihemd über weißer Hose, es ist bis zum deutlichen Bauch aufgeknöpft, sodass das weiße Unterhemd zum Vorschein kommt. Dazu Sneaker und seine altmodische, riesige goldene Brille mit den eckigen Gläsern. In dem Aufzug könnte Kollo als netter kalifornischer Polizeipensionär oder zwielichtiger Pate in einer Siebzigerjahre-Serie mitspielen. Oder in einer „Ring“-Inszenierung von Frank Castorf.