Gedenken

Frankreichs rebellische Kinobraut

Bernadette Lafont, Muse der Nouvelle Vague, ist gestorben

Mit einer Mischung aus Taktlosigkeit und Diskretion erzählte Eddie Constantine einmal von einer Leinwandpartnerin, von der ihm neben ihrem übersprudelnden Temperament besonders ihr Schweißgeruch in Erinnerung geblieben war. Den Namen verriet er nicht, aber sie sei durch die Nouvelle Vague berühmt geworden. Das grenzt den Kreis der Verdächtigen ein, denn nur zwei Schauspielerinnen kommen in Frage: Anna Karina und Bernadette Lafont. Und da von übersprudelndem Temperament die Rede war, scheidet Erstere aus.

Lafont führte die entschieden schweißtreibendere Leinwandexistenz. Sie bevorzugte die ungestümen, abenteuerlustigen und rebellischen Figuren. Die feinen Damen lagen ihr nicht. Ihre unbekümmerte Sinnlichkeit und muntere Verworfenheit stellten die bürgerlichen Verhältnisse auf den Kopf. Ihre Figuren konnten rotzfrech, sprunghaft und listig sein. Claude Chabrol besetzte sie gleich siebenmal in der Rolle der anstößigen Frau, die meist auch beachtliche kriminelle Energie entwickeln konnte. Noch größeren anarchischen Elan zeigte sie in François Truffauts Schelmenroman „Ein schönes Mädchen wie ich“ (1971). Schon in ihrem Leinwanddebüt, Truffauts Kurzfilm „Die Unverschämten“ (1956), ist diese Verve zu spüren. Da hinterließ sie bereits auch ihre erste Duftmarke: Verzückt schnuppern die Halbwüchsigen, die heimlich ihr und ihrem Liebhaber (gespielt von ihrem ersten Mann Gérard Blain) nachstellen, an dem Fahrradsitz, auf dem sie kurz zuvor gesessen hat.

Sie war immer etwas mehr als die Muse der Nouvelle Vague und immer etwas weniger als ein Kassenstar. In Frankreich galt sie als eine „Incontournable“, eine Unumgängliche, eine Institution. Das französische Kino der letzten fünfeinhalb Jahrzehnte hätte ohne die 170 Rollen, in denen sie auftrat, anders ausgesehen. „La Fiancée du cinéma“, die Verlobte des Kinos, nannte die 1938 in Nimes geborene Schauspielerin ihre Autobiographie. Darin kann man viel vom Kampf um Unabhängigkeit erfahren. Der Titel spielt zugleich auf eine ihrer schönsten Rollen an: „Die Piratenbraut“, die sie 1969 in Nelly Kaplans Regie spielte.

Trotz ihrer engen Verbindung zur Neuen Welle gehörte sie keinem Clan an, sondern war zugänglich für jede neue Filmemachergeneration, die das französische Kino hervorbrachte. Dank ihrer Rollen bei Jacques Rivette (unter anderem in „Out 1“) und vor allem in Jean Eustaches „Die Mama und die Hure“ wurde sie nach dem Pariser Mai 1968 zum Idol einer Jugend, die Alternativen zum bürgerlichen Leben suchte. Für ihre Rolle der Mentorin Charlotte Gainsbourgs in Claude Millers „Das freche Mädchen“ bekam sie 1986 ihren ersten César, den zweiten erhielt sie 2003 für ihr Lebenswerk.

Mit „Paulette“ ist nun gerade ein trefflicher Abschiedsfilm in unsere Kinos gekommen. Als raubeinige, rassistische Mittsiebzigerin, die ihre klamme Rente mit dem Verkauf von Hasch aufbessert, konnte sie noch einmal viele Register ihrer anarchischen Leinwandpräsenz ziehen. Am Sonnerstag ist die Unverwüstliche 74-jährig in ihrer Heimatstadt Nimes gestorben.