Kunst

Tanz der Konsonanten

Wiedergeburt des Festivals Atonal im früheren Kraftwerk Mitte

Unter den unendlich hohen Decken des ehemaligen Kraftwerks Mitte erleben die Besucher in diesen Abendstunden die Wiedergeburt des Festivals Berlin Atonal. 1982 fand es zum ersten Mal im SO 36 statt. Es war die Zeit von Nick Cave & The Bad Seeds, Einstürzende Neubauten, die Zeit von Lärmexperimenten im Angesicht der Mauer. Jetzt holt Technomiterfinder, Restaurantbesitzer, Tresorbetreiber und graue Eminenz der Avantgarde Dimitri Hegemann sein Kind nach 23 Jahren Pause wieder aus dem Keller und übergibt den Geist des Atonal an eine jüngere Generation. Sechs Tage lang zeigen sie Abend für Abend die neusten Elaborate der Klangforschung.

Ob den Porridge im Hof schon jemand angerührt hat? „Sorry, I don’t speak German.“, sagt der Lockenkopf. Aber bestellt hat ihn auch noch keiner. Dauert noch zehn Minuten. Also gießt der Koch Mineralwasser aus einer PET-Flasche in den Topf mit den Haferflocken. Salz drauf. An der Bar im Heizkraftwerk haben sie den Weiderindburger für 12 Euro schon von der Tafel gewischt. Die Currywurst auch. Haben wohl zu wenige Hunger mitgebracht. Glenn Branca und sein Ensemble wollen sie trotzdem sehen. Langsam füllt sich das Kraftwerk. 300 werden es schon sein.

Und wie der 64-jährige Amerikaner seine Gruppe dirigiert, es wird einem schwindelig. Er ist der Herr über vier Gitarren, einen Bass und das Schlagzeug, das im Zentrum am hinteren Teil der Bühne steht. Drei Monate vor den Anschlägen des elften Septembers trat er gar mit einem hundert Gitarren umfassenden Orchester im World Trade Center auf.

„Twisting In Space“ heißt das von Branca komponierte Stück, dass man wohl am besten als Post-Punk-Symphonie begreifen kann. Es ist immer so, als höre man eine wirklich gute Band spielen, mal spielt sie Blues, mal Surfpunk und dann ist das so, als fliege ein Eurofighter ständig darüber. Virtous verstecken die Instrumentalisten ihre Präzision unter dem dem Rauschen des Raumes. „Twisting In Space“ ist eine wahrhaftig wahnsinnige Raum-Zeit-Studie. Ein Experiment, eine Versuchsanordnung. Staccato-Gitarren surren alle sechs Sekunden einen Halbton höher zu einem Schlagzeug, das heimlich Dubstep spielt. Branco der weißhaarige Zauselzauberer verspinnt die Grenzen zwischen der Tanzbarkeit des Post-Punks und der Unhörbarkeit der Neuen Musik. Es ist ein Hochgenuss. Der kühle Stahlbeton der Säulen erwärmt sich merklich. Inzwischen sind auch einige Besucher gekommen. Sie schauen ernst drein.

Ganz kurz nur wünscht man sich den heiteren Dada von Frieder Butzmann zurück, der den Abend mit Kurt Schwitters „Ursonate“ eröffnet hatte. Butzmann, ein Mann, ein Name, eine Erscheinung wie eine Comic-Figur. Er war so grandios. Er stand da ganz alleine auf der Bühne. Hosenträger, Kugelbauch, Brille, weißes Hemd und Mütze auf dem Kopf. Selten hat einer Schwitters Komposition so zärtlich vorgetragen. „Fümms bö wä tää zää Uu, pögiff, kwiiee/ Dedesnn nn rrrrr, Ii Ee, mpiff tillff toooo, tillll, Jüü-Kaa?/ Rinnzekete bee bee nnz krr müüüü, ziiuu ennze ziiuu rinnzkrrmüüüü,/ Rakete bee bee.“, fuhr es dem deutschen Komponisten aus dem Mund. Worte, die schon so alt sind. Es brauchte von den Zwanzigern bis in die Dreißiger, bis Schwitters seine Sprechoper fertigstellte. Auf Butzmanns Zunge tanzte ein Konsonantenkabarett gefolgt von einer Vokalgymnastik. Aber Glenn Branca ist auch famos.

Danach liegt es tatsächlich an der neuen Generation von Klangästheten und Komponisten, den Abend zu gestalten. Roly Porter spielt eine grandiose Geistermusik. Naturschauspiele ereignen sich auf der Leinwand. Geäst saust am Betrachter links und rechts vorbei. Im Schatten seiner Projektion widmet sich der Brite am Laptop gänzlich seiner stimmlosen Schauergeschichten. Beklemmend. Die Disharmonien, sie schmerzen fast. Mehr als zwanzig Jahre nach seinem Start ist das Atonal wieder dort angekommen, wo es hingehört. Im Kreis der Pioniere.