Serie: Chöre in Berlin

Neue Stücke, neue Stimmen

Die Berliner Cappella gehört zu den großen Laienchören. Wenn sie nicht in der Stadt singt, dann ist sie auf Reisen

„So, wer kommt mit in die Kneipe – in zehn Minuten?“ Großes Gelächter von den rund vierzig Chorsängern. Schließlich ist die Probe selbst erst zehn Minuten alt. Ganz ernst meint die Dirigentin Kerstin Behnke ihre Frage auch nicht. Erst vor kurzem hat die Berliner Cappella ihre Arbeit an dem neu komponierten Chorstück „Dialog mit der Winterreise“ so richtig begonnen. Bis zum Konzert am 22. Oktober im Kammermusiksaal der Philharmonie ist noch viel zu tun. Doch in Berlin stehen die Schulferien an, brütende Sommerhitze hängt in der Aula der Allegro-Grundschule in Tiergarten. Die Probe wird wohl tatsächlich einmal früher enden.

Probe gleich nach Feierabend

Die Berliner Cappella ist einer der größten gemischten Laienchöre Berlins, annähernd die Hälfte der Sängerinnen und Sänger ist heute noch einmal gekommen. Vor Kerstin Behnke sitzen Berufstätige, die direkt nach Feierabend in Kostüm und Bügelfalten hierher geeilt sind, einige Rentner, auch Studenten und Schüler. Das Stück kennt noch keiner: Berliner Gymnasiasten haben Texte und Kompositionen erarbeitet – in Anlehnung an Franz Schuberts berühmten Liederzyklus „Winterreise“. Heute wird, nicht gerade passend zum Wetter, das besonders trostlose Lied vom Leiermann geprobt, der „barfuß auf dem Eise“ seinen Leierkasten dreht. Die Schüler haben darüber musikalisch fantasiert: Während die Chorsänger leere, fahle Akkorde aushalten, drehen sie langsam kleine Spieluhren, machen Reibegeräusche mit den Händen – ein seltsamer Klangeffekt, der Neugier auf das gesamte Stück weckt. Diese experimentelle Chormusik nach Schubert soll im herbstlichen Philharmonie-Konzert in Abwechslung mit den originalen Klavierliedern erklingen.

Die Zusammenarbeit der Cappella mit Schülern bereichert den Musikunterricht an Berliner Schulen – aber nicht nur das. Die junge Generation für Chorgesang zu interessieren, dafür ist dem Chor keine Anstrengung zu groß, denn es muss Nachwuchs her. Geholfen hat da vor allem die große Chorprojekt-Reihe „Erhebe deine Stimme“, die der Chor seit einigen Jahren veranstaltet und die unter anderem Mitsingkonzerte umfasst – mit der Cappella im Zentrum und vielen Menschen drumherum, die das Singen einmal ausprobieren wollen. „Natürlich ist es schwierig, gerade jüngere Leute für unsere Musik zu begeistern, aber wir wollen beim Repertoire keine Kompromisse machen“, sagt Kerstin Behnke.

Dann eher bei der Art der Heranführung: Als erster Chor überhaupt bot die Cappella 2012 auf Youtube Video-Tutorials an, mit deren Hilfe Interessierte Josef Haydns „Schöpfung“ vor dem Mitsingkonzert zu Hause üben konnten. Bereits in den Videos geht es nicht nur um die richtigen Töne: Die Dirigentin erklärt am Beispiel von professionellen Gesangssolisten für jede Stimme die benötigte Phrasierung, Lautstärke, auch stimmtechnische Details. „Wir haben Schüler bei ihrem Medium abgeholt, dem Computer“, konstatiert Kerstin Behnke. Mit Erfolg: Mittlerweile spreizt sich die Altersspanne zwischen vierzehn und sechzig. „Da gibt es die jungen Stimmen, aber eben auch die alten Chorhasen, die Jahrzehnte Erfahrung haben und alles vom Blatt singen.“

Im Gegensatz zu den alten Chorhasen ist nur wenig in diesem Chor alt. Die meisten Stücke sind es ebenfalls nicht. Schon der in Berlins Chorszene immer noch legendäre Peter Schwarz, der als junger Kantor der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche im Tiergarten die Cappella im Jahr 1965 in einem studentischen Umfeld gründete, ließ den Chor in gut 30 Jahren nie bei romantischem Repertoire verschnaufen. Neue Stücke mussten her, Schwarz machte seinen Chor neugierig auf Komponisten wie Schönberg, Stockhausen, Schnebel, wahrscheinlich als erster Laienchor in Berlin sang die Cappella das Kult-Chorstück „Lux aeterna“ von György Ligeti.

Kerstin Behnke leitet die Cappella jetzt seit zehn Jahren. Sie hatte an der Berliner Hochschule der Künste das Fach Dirigieren bei Prof. Mathias Husmann und zuvor in ihrer Heimatstadt Hamburg Schulmusik studiert. Als Dirigentin ist Kerstin Behnke mit ihrem konzentrierten Probenstil, ihrer emotionalen Weise des Musizierens und ihrer ausgeprägten Vorliebe für Renaissance-Madrigale in Berlins Chorszene längst keine Unbekannte mehr. Neben ihrer Arbeit mit der Cappella erregt sie Aufsehen durch ungewöhnliche szenische Konzerte mit ihrem kleinen Chor „Tonikum“. Jüngst durfte sie erstmals den Rias-Kammerchor, der ein renommierter Profichor ist, für ein Orchesterkonzert einstudieren – für Chordirigenten kommt das einem Ritterschlag nahe. Die Entwicklung ihres eigenen Chores findet sie großartig. Der Gesang der Cappella habe in den letzten Jahren an Rundung, Schlankheit und Textverständlichkeit enorm hinzugewonnen. „Ich glaube, dass Laien da sehr weit kommen können“, sagt sie: „Auch wenn wir natürlich nie so klingen werden wie der Rundfunkchor.“

Auch die Neugier der Cappella-Choristen auf neue Musik hat Kerstin Behnke gerne aufgegriffen – ihr war es allerdings wichtig, dass die neuen Stücke für den Chor gut zu bewältigen sind und sowohl den Sängern als auch dem Publikum Spaß machen. „Die Musik muss singbar sein, Probenaufwand und Erfolg müssen in einem guten Verhältnis stehen.“ Genau diese Kriterien gelten für den Kompositionspreis des Chores, den die Dirigentin gemeinsam mit dem Förderverein der Cappella erstmals 2003 ausschrieb und mit dessen Hilfe sich der Chor alle zwei Jahre von Komponisten neue Stücke schreiben lässt. Dieser Pragmatismus bei der Entstehung neuer Chormusik sei kaum üblich, sagt Kerstin Behnke. „In den Kompositionsklassen der Musikhochschulen beschäftigen sich die Studenten wenig mit Stimme. Dabei kann man über die Stimme musikalisch so viel Neues entdecken!“

Regelmäßig in der Welt unterwegs

Unter den Berliner Chören ist die Cappella dafür bekannt, dass sie scheinbar ständig unterwegs ist: Die erste Reise sollte den Chor im Herbst 1968 in die damalige ČSSR führen. Sie musste aber, weil während dieser Tage der Prager Frühling gewaltsam erstickt wurde, um ein Jahr verschoben werden. Der Chor tourte seither mehrfach nach Osteuropa, aber auch ins außer- europäische Ausland, zuletzt im Oktober 2006 nach Nowosibirsk und Tomsk, im September 2009 nach Wisconsin, USA und im April 2012 nach Panama.

Stetigen Kontakt gibt es zu einem Profichor in Nowosibirsk. Auch das ist der vielfältigen beruflichen Herkunft der Mitglieder geschuldet. Der Ehemann einer Chorsopranistin ist Diplomat, viele der exotischen Konzertorte zeichnen einstige Stationen seiner Laufbahn nach – an diesen Orten konnten ohne weiteres Förderer, lokale Konzertveranstalter und gleichgesinnte Chöre gefunden werden, von denen man sonst nie erfahren hätte. Für Chorsänger, die die Reisekosten nicht bezahlen können, wird in der Chorgemeinschaft ohne viel Aufhebens zusammengelegt. Schließlich soll die Berliner Cappella nicht nur in Berlin vollständig sein – sondern auch dann, wenn sie in die Welt hinauszieht.

Berliner Cappella Im Kammermusiksaal der Philharmonie am 22.10. um 20 Uhr mit „Erhebe Deine Stimme: Dialog mit der Winterreise“ mit Bariton Sebastian Noack und Berliner Schülern. Es dirigiert Kerstin Behnke