Literatur

Heute geh’n wir baden

Eintauchen in tiefere Welten: Autoren erklären, warum wir beim Schwimmen zu uns selbst finden

Wozu muss man eigentlich schwimmen können? Um sich zu retten, wenn man schiffsbrüchig wird. Aber wie oft ist man auf einem Schiff? Und wie oft droht das zu sinken? Eben. Man kann ein schönes Leben leben, ohne je den Gefahren des tiefen Wassers zu begegnen. Trotzdem, die Nachricht vom Rückgang der Schwimmfähigkeit – die Hälfte aller Zehnjährigen in Deutschland kann angeblich nicht schwimmen – gilt als alarmierend. Dabei wird heute auch viel weniger Tennis gespielt als früher, und das regt niemanden auf. Sportarten sind auch nur eine Mode, warum diese Empörung über die neuen Nichtschwimmer?

Weil Schwimmen mehr ist als ein Sport. Es ist eine Kulturleistung. Sie zu verfeinern hat die Menschheit viel gekostet: Durchsetzungskraft, Energie, Mut. Und Zeit: Mindestens zweimal in ihrer Geschichte machte sich die westliche Zivilisation daran, eine raffinierte Schwimm- und Wasserkultur zu entwickeln. Was dabei gewonnen wurde, ist viel zu kostbar, um es einfach zu verlernen. Und deshalb geht Lynn Sherr, die das hübscheste Schwimmbuch der Saison geschrieben hat, auch weit zurück, an historische Ufer: Den Hellespont will sie überqueren, der heute Dardanellen heißt. Er trennt Asien von Europa und war wegen seiner geostrategischen Bedeutung jahrhundertelang umkämpft. Vor allem aber war der Hellespont Schauplatz einer antiken Liebes- und Schwimmtragödie: Um mit Hero heimliche Liebesstunden verbringen zu können, durchschwamm der junge Leander Nacht für Nacht die Stelle, bis erin einem winterlichen Sturm ertrank. Hero stürzte sich in die Fluten, ihm hinterher.

Mut, Körperkraft und Erotik

Die antike Legende wurde zum Schwimm-Mythos, sie enthält alles, was das Schwimmen ausmacht: Mut, Körperkraft, Erotik und die Neigung, sich Verboten zu widersetzen. Ja, Schwimmen ist auch eine radikale Tätigkeit – deshalb ließ sich Lord Byron, als er 1810 den Hellespont durchschwamm, so unerhört feiern. Was der britische Dichter selber zugab: „Ich brüste mich mit dieser Leistung mehr als mit jeder anderen Art von Ruhm, sei er politisch, poetisch oder rhetorisch.“ Als Lynn Sherr an das Ufer des Hellespont schritt, da traten mit ihr 431 Schwimmverrückte aus der ganzen Welt an. Der Hellespont ist in den letzten 20Jahren zu einem der großen internationalen Schwimmevents geworden. Zwar sind es an der engsten Stelle nur 1,3 Kilometer von Ufer zu Ufer, aber wegen der Strömung ist die Schwimmstrecke nicht ungefährlich, auch wenn die Schwimmer von Beibooten begleitet werden. Und viele, die durch die Meerenge kraulen, verfügen über eine Wassererfahrung, gegen die sich selbst der besessene Byron wie ein Anfänger ausnimmt.

Auch Sherr hat sich gut vorbereitet, für die Hellespont-Überquerung hat sie Übungsstunden genommen, Kraultechniken studiert, Schwimmveteranen interviewt. „Schwimmen ist meine Rettung“, schreibt sie und meint damit nicht nur die Befreiung von Alltagsstress, es ist „die Gelegenheit, frei dahinzugleiten, so nahe am Fliegen, wie ich nur jemals kommen kann“. Natürlich ist sie stolz, als ihr am türkischen Ufer nach einer Schwimmzeit von einer 84 Minuten eine Medaille verliehen wird. Doch wie bei allen, die nicht nur das Schwimmen, sondern auch seine Geschichte und Geschichten lieben, geht es ihr um mehr: um die epische, die „homerische Dimension“ des Schwimmens. So nennt es Charles Sprawson, auf dessen große Kulturgeschichte des Schwimmens Sherr ausdrücklich Bezug nimmt.

Die Wasserverliebtheit, die bei der Amerikanerin Sherr so spielerisch dahingleitet, zeigt beim Briten Sprawson manisch-depressive Züge. Sherr sammelt prominente O-Töne und Bademoden ein, Schwimmstile und Seebadschlager, widmet sich den wassersüchtigen Exzentrikern und Dichtern. Sie schwimmt obenauf, er erforscht die Abgründe. Sherrs Buch, das reizend illustriert, will man beim Durchblättern im Buchladen sofort zur Kasse tragen. Sprawsons Klassiker aber nimmt man mit ins Bett. Beide tauchen tief ein in die Antike. Dort begann der zivilisierte Umgang mit dem Wasser.

Das alte Griechenland glaubte an die heilende Kraft des Wassers, im Wasser lebten Nymphen und Götter, für den Philosophen Thales von Milet lag im Wasser der Ursprung aller Dinge. Das griechische Gespür für Wasser ergänzten die Römer durch eine frühe Form der Wellness-Kultur, die sich immer neue Spaßbäder einfallen ließ. Bis zu 800 öffentliche Bäder gab es im alten Rom. „Er kann weder lesen noch schwimmen“, hieß es damals von ungebildeten Menschen. Auch die Mauren pflegten den Umgang mit Wasser. Die Bewässerungssysteme, die sie in Spanien bauten, sind teils heute noch intakt. Doch von 400 Dampfbädern der Mauren in Granada gab es, 100 Jahre nachdem die Christen die Stadt zurückerobert hatten, nur noch eins. Dem Christentum war Wasser nicht geheuer, die Lust daran pure Sünde. Weshalb die Kulturtechnik Schwimmen in Vergessenheit geriet.

Mit der Renaissance fand das Abendland allmählich zum Schwimmen zurück. „De arte natandi“, von der Schwimmkunst, heißt das Lehrbuch des Theologen Everard Digby, das vor allem ein Ziel hatte: die Menschen von „dem gierigen Schlund der anschwellenden See“ zu bewahren. Das Ertrinken war 1587, als das Buch erschien, eine verbreitete Todesart, und blieb es noch für Jahrhunderte. Erst 1878 verlangte die britische Marine von allen Matrosen den Freischwimmer.

Im 19. Jahrhundert mutierte das Schwimmen vom exzentrischen Vergnügen reicher Gecken zum Sport, der in ganz Europa begeisterte. Vorangegangen waren Jungaristokraten, die auf ihren Bildungsreisen ans Mittelmeer die antiken Bäder erkundet hatten. Das Schwimmen an historischen Orten war zunächst nur ein romantischer Spleen. Lord Byron, der etwa eine von Plinius bewunderte Quelle feierte als „süßeste Welle aus lebendigem Kristall, die je einer Flussnymphe Zuflucht bot“, ist gewiss der abenteuerlichste dieser dichtenden Schwimm-Pioniere. Flaubert faszinierte die Sinnlichkeit griechischer Wassermythen. Der Rührendste aber war Shelley, der begeistert die antiken Ruinen an der Mittelmeerküste abklapperte, mit Wonne an legendären Gestaden badete, auf einem wasserumspülten Felsen seinen Herodot las – aber es einfach nicht schaffte, das Schwimmen zu erlernen. Percy Bysshe Shelley starb im Meer bei Viareggio, eine Ausgabe von Sophokles in der Hand.

Der erste Mensch, der den Ärmelkanal durchquerte, war 1875 Matthew Webb, ein Brite. Gut 50 Jahre später pflügte die erste Frau durch den Kanal, und so schnell, dass sie für 24 Jahre einen Geschwindigkeitsrekord: Gertrude Ederle, eine Amerikanerin. Im 20. Jahrhundert erobern die USA die aquatische Bühne und stellen – Johnny Weissmüller, Marc Spitz, Michael Phelps – die besten Schwimmer. In Amerika entstehen die opulentesten Schwimmtempel, das Wasser wird showtauglich, Esther Williams gelingt als „badende Venus“ eine Hollywood-Karriere. Und der Swimmingpool im eigenen Haus wird zum Symbol von Wohlstand und Entspannung.

Sein strahlendes Blau hypnotisierte den Maler David Hockney, in dessen Poolbildern von Menschen oft nur Schemen und mitunter gar nichts zu sehen ist. Was eine gute Prognose war: Die meisten Pools dienen heute nicht zum Schwimmen, sie sind zum Dekor verkommen wie ein Blumenbeet. Das Wasser gezähmt und in ewigem Blau zu sehen, beruhigt viele Gemüter. Andere erleben gerade am Beckenrand ihre sommerlichen Sinnkrisen, Dustin Hoffmans postpubertäres Herumhängen auf der Luftmatratze in „Die Reifeprüfung“ ist nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Filmen, in denen Pools, allen Glamours beraubt, als eine Art Staubecken der Vorstadtlangeweile dienen.

Für den echten Schwimmer sind die Gartenbecken sowieso nichts. Und in den städtischen Bädern verschrecken nicht nur tobende Kinder den nach Freiheit dürstenden Schwimmer, sondern auch die „dahindümpelnden Duftbojen“, wie John von Düffel die nach 47/11 riechenden Mitschwimmerinnen nennt.

Im Wasser, ein Gefühl der Distanz

Der Schwimmer ist ein Eigenbrötler, er hat etwas Kauziges, vielleicht sogar Autistisches, er ist der Nerd unter den Sportlern. Man hat es nicht leicht mit ihm. Und er nicht mit den anderen. „Wie Opium kann Schwimmen ein Gefühl der Distanz zum gewöhnlichen Leben hervorrufen“, hat Sprawson beobachtet. „Ich nehme dich auf meinen Rücken, vermähle dich dem Ozean“, heißt seine von von Düffel herausgegebene Schwimmgeschichte auf Deutsch, der Titel zitiert den Meeresgott in „Faust II“. Goethe hat zwar nur in der Thüringer Ilm und in Schweizer Seen gebadet, aber auch für ihn ist Schwimmen Aufbruch und Absage an kleinkarierte Konventionen. Wie Schreiben sei das Langstreckenschwimmen eine „monomane Angelegenheit, eine Verabredung nur mit sich selbst“, sagt John von Düffel, der Dauerkrauler unter den deutschen Schriftstellern, „kein Mensch hilft dir, keiner sagt dir, wann du fertig bist, du musst alles alleine zu Ende bringen.“

Auch Sprawson sieht den Schwimmer als einen Menschen, „der seine Bahnen fern und losgelöst vom täglichen Leben zieht. Er widmet sich einem Sport, bei dem der größte Teil seines Körpers unter Wasser und mit sich selbst beschäftigt ist.“ Für Sprawson ist das ein Grund, warum vor allem Introvertierte das Schwimmen so sehr lieben, ja, er überlegt sogar, ob der Umstand, dass der Schwimmer so sehr auf sich selbst konzentriert ist, dazu führt, dass er „leicht zum Opfer von Wahnvorstellungen und Neurosen werden kann, weit eher als andere Athleten“. Es liegt eben nicht nur am Wasser, dass Schwimmen so gefährlich ist. „Was bleibt, ist die tiefe Befriedigung, unterwegs nicht ertrunken zu sein“, spottet von Düffel, der sich selbst zu den asozialen Schwimmern zählt, aber einmal eine Erfahrung der anderen Art machte: In Basel war das, wo die Leute an heißen Tagen in den Rhein gehen und dann in Grüppchen durch die Fluten treiben, miteinander schwätzend und lachend in einer aufgekratzten Sorglosigkeit, die von Düffel geradezu unheimlich vorkam. So aber geht es bis heute im Sommer in Basel zu: Man legt sich auf den Rhein und hat Spaß. Doch das ist dann nicht mehr schwimmen, sondern geschwommen werden. Eine ganz andere Geschichte. Allerdings auch nichts für Nichtschwimmer.