Roman

Der Sündenfall von Gladbeck bleibt eine krude Geschichte

Es hätte eine unerhebliche Kriminalgroteske bleiben können, doch es wurde der größte Sündenfall der deutschen Polizei- und Mediengeschichte.

Am 16. August 1988 überfielen die beiden ehemaligen Sonderschüler Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Die Ereignisse überstürzten sich, und was dann folgte, war eine dreitägige Irrfahrt zweier grenzintelligenter Desperados mit wechselnden Geiseln, die mit drei Toten endete. Das bizarre Fiasko, in dem die Einsatzkräfte während des unverschämten Katz-und-Maus-Spiels der Täter untergingen, wurde nur noch von der Sensationsgier der Reporter übertroffen.

Einen wuchtigen Roman wie diesen hat es bisher zu dieser Geschichte nicht gegeben. Man hätte auch auf ihn verzichten können. „Ein deutscher Sommer“ nennt Peter Henning, selbst gelernter Journalist, sein 600-Seiten-Drama, in dem es authentisch hergehen soll, das alle seine Figuren aber nur als Abziehbilder ihrer Rollen zeigt. Polizisten, Journalisten, Bus- und Taxifahrer, Opfer, Täter – jeder, wie er im Buche steht. Keinen Millimeter kommt dieser Roman einer Ausdeutung der damaligen Geschehnisse näher, weil er bis in seine Sprache hinein den allzeit flatternden Puls von Kleinganoven hat. Der bis ins Letzte kolportagehafte Roman verbrüdert sich mit der Outlaw-Romantik der Täter, und er ist auch sonst ein durch und durch krudes Ding. Von der Geschichte des deutschen Terrors à la RAF zieht Henning eine Linie zu den Gladbecker Ereignissen, als wäre jede über ein gewisses Maß hinaus medial wahrgenommene Gewalt eins.

Peter Henning: Ein deutscher Sommer. Aufbau, Berlin. 608 Seiten, 22,99 Euro.