Hörbuch

Großlesung: Joyces „Ulysses“ in 37 ½ Stunden

Fast jeder Leser hat mit Joyce eine Rechnung offen.

Wegen „Ulysses“, dem kompliziertesten Kneipentext der Weltliteratur. Durch die Leseüberforderung, an der selbst fleißigste Naturen gescheitert sind. Oder durch die intellektuelle Gloriole, die einem den Garaus macht. Nein, es ist eine Krux mit diesem Kanoniker der Moderne. Oder: war eine Krux. Denn plötzlich ist alles anders. Auf 31 CDs, ein gutes Kilo, präsentiert der HoerVerlag erstmals eine integrale Lesung des Opus absolutissimum. Also: keine Ausreden mehr! Wo beim Lesen die losen Enden der Parabel irritierten und man ständig den Anschluss verlor, nehmen einem bei dieser Box Dutzende Schauspieler die Arbeit ab. Auch hier verpasst man manchmal den Handlungs-Zug. Macht aber nix. Um das Hörerlebnis in eine griffige Formel zu fassen: Drüberhören macht mehr Spaß als drüberlesen! Wenn es je eines Arguments für die Existenz von Hörbüchern bedurfte: Hier ist es.

In sechs bunten Pappschachteln, geschoben in einen Hackklotz von Schuber, werden die 18 Kapitel des Epos auf über 40 Sprecher verteilt. So weit möglich, liest einer pro Kapitel. Wodurch die Struktur des Buchs plastisch hervortritt. Höhepunkte gestalten Burghard Klaußner (Telemachos), Hanns Zischler (Skylla & Charybdis), und Edith Clever (Penelope). Noch nie war „Ulysses“ für die breite Masse attraktiv. Mit der Großlesung tritt die Rezeptionsgeschichte des „Ulysses“ in eine möglicherweise neue Phase ein. Es ist ein „Ulysses für alle“. Auch wir dachten bislang, die beschwerliche „Ulysses“-Fahrt sei für uns ein für alle Male vorbei. Jetzt fühlen wir uns neu angefixt. Und wollen „Ulysses“ sogar wieder lesen.

James Joyce: Ulysses. 2289 Minuten. Der HörVerlag. 31 Audi-CDs 99,99 Euro; 6 MP3-CDs 79,99 Euro.