Rheinsberg

Kammeroper mit Sonnenbrand

Das Opernfestival im Schloss Rheinsberg setzt auf junge Sänger aus Osteuropa und auf erfahrene Macher. Eine Reportage

Am Schloss Rheinsberg sind über Mittag viele schwitzende Besucher zu sehen, die Kammeroper ist irgendwie nicht aufzufinden. Die Macher des Sommerfestivals haben sich ins Kavalierhaus zurückgezogen, kultivierte Sängerstimmen schallen aus offenen Fenstern heraus. Die Eingangstür ist verschlossen. Ein Mann mit Basecap und Sonnenbrand im Gesicht öffnet die Tür. Er ist höflich und in Eile. Auf die Frage, was er mache, antwortet er kurz: die Regie im Heckentheater. Dann ist er schon wieder weg. Am 2. August hat Offenbachs Phantastische Oper „Hoffmanns Erzählungen“ Premiere.

Das Heckentheater ist neben dem Schlosshof, sofern es nicht regnet, die Hauptspielstätte der Kammeroper. Das Festival wurde 1991 vom Berliner Komponisten Siegfried Matthus gegründet. Der hatte seine Schuljahre in Rheinsberg verbracht und gleich nach der Wiedervereinigung versucht, ein Festival in der noch als Sanatorium genutzten Schlossanlage zu etablieren. Matthus setzte dafür seinen guten Namen ein. Der frühere Hauskomponist von Walter Felsenstein an der Komischen Oper und Busenfreund von Kurt Masur war einer der beiden großen schillernden Komponisten in der dahin siechenden DDR. Matthus war mehr der Mann des Nordens, sein Konkurrent Udo Zimmermann des Südens. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich Zimmermann später auf das Festspielhaus Hellerau daheim in Dresden, Matthus auf das Schloss seiner Jugend stürzte. Die Nachwendezeit war eine ganz private Gründerzeit. Und sie brauchte Machertypen wie Matthus.

Bei Regen in der SM-Halle

Heute ist der Festivalgründer ein Endsiebziger und hat alle Schlachten geschlagen. Das Schloss ist wieder ein Touristenmagnet, im Kavalierhaus sitzt ganzjährig eine von ihm gegründete Musikakademie, das alte Schlosstheater wurde wieder aufgebaut und 1999 mit seiner Oper „Kronprinz Friedrich“ in der Regie seines Freundes Götz Friedrich wiedereröffnet. Zuletzt hat er sich für das Businessprojekt Hafendorf stark gemacht, dort gibt es jetzt die Ausweichspielstätte bei Regen: die Siegfried-Matthus-Arena. Im internen Sprachgebrauch heißt sie die SM-Arena. Erklären will die Doppeldeutigkeit aber keiner.

Siegfried Matthus macht das, was er jeden Sommer tut: Er schwärmt von seinen jungen Sängern. In diesem Festivaljahr haben es ihm drei russische Sänger in der Rossini-Produktion „Der Barbier von Sevilla“ angetan. Als Komponist ist Matthus ein Liebhaber der menschlichen Stimme, sie steht im Zentrum seines Schaffens. Auch als Festivalchef hat er sich den Stimmen verschrieben. Von Anbeginn wurden die Partien international ausgeschrieben, fanden sich junge Sänger gerade auch aus Osteuropa und Asien ein, um in Rheinsberg zu lernen und in verschiedenen Produktionen aufzutreten. Alljährlich bewerben sich rund 450 junge Sänger.

Dass die Internationalität mit Berufsanfängern auch ihre Tücken hat, weiß Frank Matthus, der Sohn des Festivalgründers. Er ist von Hause aus Schauspieler und Regisseur und hat die Rossini-Inszenierung im Schlosshof gemacht. Die drei Russen haben tolle Stimmen, sagt er, könnten aber leider nur Russisch, kein Deutsch, kein Englisch und kein Italienisch. Die Dolmetscherin kam erst drei Tage später, bis dahin wurde alles mit Händen und Füßen ausgehandelt. Der Regisseur kramte außerdem sein altes Schul-Russisch hervor. Irgendwann im Gespräch, die Sonne brennt, verabschiedet sich der Festivalchef zum Mittagsschläfchen. Gegen 16.30 Uhr übernimmt sowieso der RBB die Führung der Kammeroper: Drei Übertragungswagen rollen auf den Schlossvorhof. Einer hat die Aufschrift: „Das volle Programm vor Ort.“ Kurz darauf folgen zwei weitere Autos. Grüppchen besprechen sich. Wie man mit der Rossini-Premiere am Abend im Schlosshof umgeht? Und im Heckentheater wird schnell noch eine Probe für die Fernsehkameras simuliert.

„Wir sind alter DDR-Adel“

Beiläufig kommt Rossini-Dirigent Stefan Sanderling über den Hof geschlendert, der Endvierziger trägt einen Sommerhut und wirkt so gar nicht aufgeregt. Hinter den Kulissen heißt es, er hätte wochenlang mit dem Provinzorchester gehadert. Der in den USA lebende Sohn des großen Kurt Sanderling ist selbst ein etablierter Dirigent und derzeit Chef des Toledo Symphony Orchestra. In Rheinsberg leitet er das Preußische Kammerorchester Prenzlau. Sanderling will nicht viel dazu sagen, außer, dass seine Musiker ihr Bestes geben. Um es vorwegzunehmen: Die Premiere lief musikalisch bestens, Sanderling zeigte sich glücklich.

Bereits als junger Dirigent war Stefan Sanderling Anfang der 90er-Jahre zu Gast bei der Kammeroper. Festivals sind immer auch Familienbetriebe, jeder kennt jeden und kann Wünsche des anderen nicht abschlagen. Mit Frank Matthus war er in Pankow zusammen zur Schule gegangen. Sie seien alter DDR-Adel, scherzt Sanderling. Wir spazieren hinüber zum Heckentheater: Mit der Offenbach-Crew hat er eigentlich nichts zu tun, sagt Sanderling, aber den Regisseur Matthias Oldag findet er klasse. Mit dem Kollegen abends entspannt im Restaurant gegenüber vom Schloss zu sitzen und zu reden, dass sei sein Luxus beim Festivalbetrieb.

Kammeroper Schloss Rheinsberg„Barbier von Sevilla“ am 26./27. Juli, „Hoffmanns Erzählungen“ vom 2. bis 10. August Tel. 033931-34940