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Abschied von Simon Rattles Klassiklabel

Die ehrwürdigen Marken EMI und Virgin verschwinden

Anfang September erscheint die neue CD von Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern sowie Philippe Jarousskys neues Album. Ok, die übliche EMI-Mitteilung, denkt man. Doch dann wird man stutzig. Rattles CD erscheint nämlich nicht mehr bei dem englischen Traditionslabel EMI mit seinem starken deutschen Ableger Electrola, sondern bei Warner Classics. Und der Countertenorstar Jaroussky ist nicht mehr einer der wichtigsten Künstler von EMIs bedeutendem französischen Imprint Virgin Classics, sondern neuerdings Teil der Erato-Familie. Damit ist klar: Jetzt ist wieder ein Stück Schallplattenkulturgeschichte zu Ende – seltsamerweise wird aber ein anderes, bereits abgeschlossen geglaubtes, plötzlich weitergeschrieben.

EMI wurde 1931 in England gegründet, die Wurzeln der Firma reichen bis ins Jahr 1898 und zum deutschen Plattenpionier Emil Berliner, ebenfalls der Vater der Deutschen Grammophon. Die Beatles brachten so viel Geld, dass der Konzern in Rüstungsentwicklung investierte. Später wurde er von Hedgefonds-Managern aufgekauft und ausgeweidet, die einst stolze EMI war in den letzten zehn Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst. Nach langem Tauziehen kaufte 2011 die Universal Music Group den angeschlagenen Konkurrenten. Nicht um ihn weiterzuführen, sondern um Rechte auszuwerten, Künstler und einzelne Sublabels in die eigenen Strukturen zu überführen, die schon hochwertige Klassikfirmen wie die holländische Philips, die Deutsche Grammophon und die englische Decca geschluckt hatten. Während Philips nicht mehr produziert, sind die Grammophon und die Decca weiterhin in Berlin und London aktiv.

Das aber ist mit der EMI nicht möglich, vor allem nicht mit dem Klassikkatalog. Weil es nämlich sonst nur noch Sony als einzig verbliebenes Klassik-Major-Label gibt, waren beim EMI-Verkauf an Universal die Klassikfirmen aus kartellrechtlichen Gründen ausgenommen. Bei der Grammophon wurde schon munter umstrukturiert: In Berlin musste im Dezember 2012 der Klassik & Jazz-Chef Christian Kellersmann gehen, weil neue Labels wie Blue Note und Verve und deren Mitarbeiter integriert wurden. Bei der EMI dagegen konnte man zunächst lange nur ausharren: in London, Köln und Paris, wo die EMI und die einst von Richard Branson gegründete, dann an die EMI France verkaufte Firma Virgin Classics sitzt. Im Februar 2013 wurden diese Konzernteile schließlich an Warner International verkauft. Dass der kränkelnde Warner-Konzern jetzt plötzlich wieder Klassikkünstler besitzt, war also eher ein Betriebsunfall – hatte man hier doch schon 2001 die einst durch den Aufkauf der deutschen Teldec entstandene Warner Classics International in Hamburg und New York geschlossen. Die existierte nur noch als Mailadresse, anderswo wurde der Katalog mit Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt oder Daniel Barenboim recycelt, ebenfalls das Programm der übrigen, damals abgewickelten Klassikfirmen wie der französischen Erato. Das soll jetzt anders werden. Während den EMI-Mitarbeitern gerade gekündigt wurde, muss bei Warner aufgestockt werden, wohlmöglich mit den gleichen Leuten.