Ausstellung

Neonröhren und die amerikanische Seele

Olivia Steeles Kunst besteht aus leuchtenden Schriftzügen. Sie wirken wie aus einer anderen Welt und passen doch genau nach Berlin

Am Abend, bei der Party zur Eröffnung ihrer Ausstellung „The Truth Hurts (But Then It Will Set You Free), trank die adrett gekleidete Gesellschaft der Berliner Oberschicht auf drei Etagen über den Dächern der Stadt in Olivia Steeles Appartement im Prenzlauer Berg. Irgendwann war der Champagner aus, Biermixgetränke gab es aber noch. Das war alles ein einziges Klischee – die Wohnung, die Treppe nach oben, der fast obszöne Whirlpool, den die Amerikaner Jacuzzi nennen, die Art der Gäste, ihre Gläser zu halten und der Blick über die Stadt, der nur so frei ist, weil sie unten mit großen Gittern ihre Wohnanlage zur Außenwelt hin absperren. Gitter und Wohnanlagen passen so gar nicht nach Berlin. Aber sie passen in das weiße Oberschichten-Amerika. Und auch wenn es voreilig klingen mag: Auch die 1985 in Nashville, Tennessee geborene Künstlerin Olivia Steele selbst erscheint einem wie der lebende American Way.

Und trotzdem: Steeles Leuchtröhren-Installationen, die bis zum 1. September in der Circle Culture Gallery präsentiert werden, sind in Berlin trotzdem genau richtig. Weil sie verspielt und auch ein bisschen unheimlich sind. Es sind Raum- und Zeit-Maschinen, die ganz tief in das Innere der amerikanischen Seele blicken lassen.

Hotpants und Cola

Steele empfängt uns in ihrem Atelier in der Alten Münze in Mitte. Und wieder ist da ganz großer Kitsch in der Inszenierung. Büchsen, wie aus einem Western hängen an den Wänden, sie in Hotpants, amerikanische Flagge als Tuch um den Hals geworfen. Lana Del Rey müsste nur noch „Cola“ singen. „Born To Die“ steht schon in gebogenem Leuchtröhrenschriftzug an der einen Wand. Mit ihrem Ex-Freund Klaus Peter Kofler hat sie in der Alten Münze mal einige Pret-A-Diner-Veranstaltungen gefeiert. Das ging so, dass der Klaus Peter, ein Caterer aus Hessen, immer an ausgefallenen Orten temporäre Restaurants aufgemacht hat. Sterneköche haben sich dazu Menüs ausgedacht. Die wurden relativ günstig, irgendwas um die vierzig Euro, korrespondierende Weine für unter zwanzig, angeboten und lockten so die vielen jungen Menschen, die gerne beim Essen an ausgefallenen Orten andere junge Menschen treffen. Steele jedenfalls kümmerte sich um das Design der Räume. „Wir haben das vor vier Jahren gemacht. Ich konnte meine Kunst dort ausstellen und auch die Räume designen. Ich glaube, das hat meiner Kunst geholfen. Ich musste auf ein Mal mit so vielen Materialien arbeiten.“ Ihre Kunst besteht aus leuchtenden Schriftzügen, die Steele mit Objets Trouvés, also gefundenen Gegenständen aus dem Alltag vermengt. Der zweideutige Schriftzug „Pussy control“ steht nun vor einer absurd heimeligen Malerei, bei der ein junges Mädchen kleine Kätzchen auf dem Arm hält. Ein Moment, wie aus einem Cartoon.

Arbeiten hängen in der Stadt

Sicher, es ist ihr wohl einfacher gefallen, Fuß zu fassen mit ihrer Kunst als durch ihre Privilegien. Zu letzterem gehören das Elite-Internat in der Schweiz, die Universität in Frankreich, die Wohnungen in Berlin und London. Ihre Verbandelung mit Kofler, die es Steele ermöglichte, ein wenig schneller Aufmerksamkeit zu erregen. Im Restaurant Tim Raue in der Rudi-Dutschke-Straße hängt eine große Arbeit von ihr. Aber so, wie man Menschen aus einfacheren Verhältnissen nicht aufgrund ihrer Herkunft vorverurteilen sollte, darf man auch Steeles Kunst nicht leichthin als Rich-Kid-Spinnerei abtun.

Ihre Arbeiten erinnern an die Schriftzüge Tracey Emins. Tatsächlich sind sie auch von der Britin inspiriert. Aber es ist weder die Handschrift Emins, noch die von Steele die über ihre Werke zu uns spricht. Es war Olivia Steeles Vater, der diese Buchstaben geformt hat. „Er war ein richtiger Philosoph. Er hat mich erobert mit seinen kurzen Sätzen, die alles zusammenfassen und einen danach total wegschießen.“ Seine Schriftzüge sammelte Steele und konstruierte daraus die Skizzen, die sie an einen Berliner Leuchtstoffröhrenbieger gibt. Sie nennt ihn wirklich so. „Dieser Mann kann genau so biegen, wie ich schreibe, wie mein Vater geschrieben hat. Er ist ein Genie.“

Als ihr Vater stirbt und schließlich beerdigt wird, installiert Steele vor seiner Grabstätte den riesigen Schriftzug „See You On The Other Side“. Es ein zärtlicher, aber doch ohnmächtiger Wunsch, ein Gedanke von Hilflosigkeit. Sie hat drei Arbeiten daraus gemacht. „Das war im Oktober, es wurde schon früh dunkel. Und so machte ich drei Fotos. Eins bei Sonnenaufgang, eins bei Sonnenuntergang und eins um Mitternacht.“ Und darin spiegeln sich unsere eigenen Wünsche, die so kindlich sein mögen im Angesicht des Verlusts. Papa, Mama, Großmama, es wär‘ so schön, wenn wir uns wirklich wieder sehen könnten.

Steeles‘ Welt, das auf den ersten Blick verstrahlte Kaleidoskop einer Prinzessin aus den Südstaaten, entwickelt sich bei genauerer Betrachtung zu einer eigenständigen Auseinandersetzung mit ihrer Historie und ihrer Herkunft. Im Schein der Gase ziehen die Anfänge von Pop- und Werbekultur vorbei. Man muss an Diners und Motels denken und landet schließlich doch bei Olivia Steele.