Interview

„Es gab keinen Pakt“

Stargeiger Gidon Kremer über den Opportunismus im Sowjet-Regime

Ein Büro in der Komischen Oper: Selbst wenn man Gidon Kremer nicht von unzähligen Plattencovern kennen würde, könnte man erraten, wer hier der Künstler ist, bei dem auffällig bunten Seidenhemd. Kremer wurde 1947 in Riga geboren. Seine Muttersprache ist Deutsch. Aber am häufigsten spricht er Russisch, mit den jungen Musikern seines Orchesters Kremerata Baltica oder mit befreundeten russischen Künstlern. Zu Beginn seiner Karriere lebte er 15 Jahre lang in Moskau. „Ich fühle mich der russischen Kultur sehr verbunden“, sagt er. Deshalb wird er im Oktober wieder in Berlin sein: Mit einem Konzert in der Philharmonie will er auf die Menschenrechtssituation in Russland aufmerksam machen.

Berliner Morgenpost:

Herr Kremer, Sie bezeichnen sich gerne als Feind von Routine. Müssten Sie nicht nach mehr als 16 Jahren allmählich als Chef Ihres Kammerorchesters Kremerata Baltica zurücktreten?

Gidon Kremer:

Es stimmt, dass ich jede Form von Routine mühsam und langweilig finde. Aber die Kremerata ist mit den Jahren zu meiner Familie geworden. Ihre Musiker sind wie meine Kinder. Und von einer Familie tritt man nicht zurück. Außerdem kann ich bei der Kremerata kein Zeichen von Routine erkennen.

Wie sind Sie als Chef?

Ich versuche, der gute König zu sein. Anfangs habe ich viel zu viel Toleranz gezeigt, wo ich zur Ordnung hätte rufen sollen, künstlerisch oder disziplinarisch. Ich habe meine Kinder verwöhnt. Mittlerweile weiß ich, dass ein Chef auch unangenehme Entscheidungen treffen muss. Erst vor Kurzem habe ich mich von einem langjährigen Orchestermitglied getrennt. Ein großartiger Musiker, den ich sehr schätze. Aber leider fehlte es ihm an Respekt den jüngeren Kollegen gegenüber und auch dem Orchestermanagement und meinen Entscheidungen gegenüber. Da er großen Einfluss auf andere Musiker hatte, musste ich reagieren. Zum Glück war es seit der Gründung der Kremerata 1997 erst der zweite Fall.

Eben hat der Vorverkauf für das Konzert „To Russia With Love“ am 7. Oktober in Berlin begonnen, mit dem Sie auf die politische Situation in Russland aufmerksam machen wollen. Wie würden Sie die denn beschreiben?

Es macht mir große Sorgen, dass in Russland immer mehr normale Freiheiten, etwa das Recht auf freie Meinungsäußerung oder die Kunstfreiheit, eingeschränkt werden. Ähnlich wie in Zeiten der Sowjetunion, nur natürlich mit anderen Mitteln und weniger drastisch als in der Stalin-Zeit. Strafen wie die zwei Jahre Haft für die Punkband Pussy Riot sind unverhältnismäßig und ungerecht. Ende Juni ist der inhaftierte Ex-Oligarch Mikhail Chodorkowski 50 Jahre alt geworden. Ich weiß nicht, ob er wirtschaftliche Verbrechen begangen hat. Aber dass man ihn dermaßen schikaniert, dass er die besten Jahre seines Lebens fern von seiner Familie im Gefängnis verbringen muss, ist so extrem, dass ich das als Laie für eine politische Aktion halte, nicht für ein faires Urteil eines Rechtsstaates.

Was hilft da Geigespielen?

Als Künstler habe ich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Farbe zu bekennen. Ich schaue mit Respekt in die Vergangenheit, auf Leute wie Pablo Casals, Yehudi Menuhin oder Mstislav Rostropowitsch. Jeder von ihnen hat für gewisse Freiheiten gekämpft und Stellung bezogen. Ich habe viele Freunde und Bekannte, die mit der Kremerata und mir den Abend gestalten werden: Martha Argerich, Daniel Barenboim, Khatia Buniatishvili, Nicolas Altstaedt. Auf dem Programm steht unter anderem das Stück „Engel der Trauer“, das der georgische Komponist Giya Kancheli für Chodorkowski geschrieben hat. Wir wollen gemeinsam zeigen, dass es auch unter klassischen Künstlern Menschen mit Gewissen gibt.

Andere Musiker wie Anna Netrebko, der Dirigent Valery Gergiev oder der Bratscher Juri Baschmet lehnen sich eng an die Putin-Regierung an oder machen Wahlkampfwerbung für ihn.

Ich nenne keine Namen, das haben Sie jetzt gemacht. Aber ich kenne sie natürlich genauso wie Sie.

Wie viel Verständnis haben Sie dafür?

Eigentlich kaum. Was solche Leute tun, könnte ich nicht tun und würde es auch nicht tun. Sie nennen ihre Haltung Patriotismus. Für mich hat das mehr mit Opportunismus zu tun und verfolgt das Ziel, eigene Interessen zu wahren. Aber ich will niemanden aus der Ferne verurteilen. Mein Lehrer David Oistrach war ein Repräsentant des sowjetischen Regimes und gleichzeitig ein großer Künstler. Ich kann mir gut vorstellen, was er durchgemacht hat. Wer weiß, vielleicht hat ihn dieser Konflikt sogar viele Jahre seines Lebens gekostet. Er ist ja ziemlich früh von uns gegangen. Die ständige Spannung zwischen dem, was man denkt, und dem, was man sagen muss, ist etwas sehr Ungesundes. Von dieser Spannung wollte ich mich damals befreien. Deshalb habe ich die Sowjetunion verlassen.

Trotzdem wurden auch Sie von manchen Kritikern als Kollaborateur dargestellt. Die Sowjetunion schmückte sich mit Ihnen als Stargeiger. Haben Sie Fehler gemacht?

Ich habe sicher zu allen Zeiten Fehler gemacht. In meinem Leben war nicht jede Tat richtig, so wie ich auch nicht nur richtige Töne gespielt habe. Natürlich war ich ein Repräsentant der sowjetischen Geigenschule. Doch ich habe nie das Gefühl gehabt, politisch mitzuspielen oder zu den Lieblingskünstlern des Regimes zu gehören. Selbst nachdem ich 1970 den Tschaikowski-Wettbewerb gewann, dauerte es noch Jahre, bis ich ins Ausland reisen durfte. Als ich später das einzigartige Privileg erhielt, mehr als 90 Tage im Jahr zu verreisen, wurden natürlich viele eifersüchtig. Die haben dann versucht, mich entweder zum Ausländer oder zum Kollaborateur zu erklären. Selbst ein so wichtiger Kollege wie Rostropowitsch, mit dem ich später viel gemeinsam gespielt habe, hat mir das anfangs zum Vorwurf gemacht. Er glaubte, dass mein Sonderstatus eine Gegenleistung für irgendetwas sein müsse. Aber es war keine. Es gab keinen Pakt mit dem Teufel.