Kino

Geständnisse über den Boss

„Springsteen & I“ ist eine Dokumentation über seine Fans. Sie kommt heute ins Kino

Der Mann weint. Man weiß nicht genau, warum. Minutenlang schaut die Kamera dem Schluchzen zu. Wie alt wird er sein, Ende Vierzig vielleicht? Einen Job scheint er zu haben, zumindest fährt er einen Mittelklassewagen. Das kann es also nicht sein. Vielleicht ist es ein Problem mit der Familie? Liebeskummer? Wir können es nur ahnen. Was der Zuschauer aber sicher weiß ist, wer die Tränen ausgelöst hat: Der Boss.

Was bedeutet ihnen Bruce Springsteen? Der Film „Springsteen & I“, der heute in über 50 Ländern in die Kinos kommt, ist die Antwort auf diese Frage. Regisseur Baillie Walsh und Produzent Ridley Scott hatten Springsteen Fans dazu aufgerufen, sich selbst dabei zu filmen, während sie erklären, was sie mit Bruce Springsteen verbindet. Die Clips wurden auf einer Webseite hochgeladen und dann für den Film zusammengestellt. User generated content in Spielfilmlänge.

Das Ergebnis sind 96 Geständnisse, die so persönlich sind, dass der normale Mensch sie kaum ertragen kann. „Er hat mir beigebracht, ein Mann zu sein“, sagt ein Mann. Eine Frau sagt: „Ich hatte zu ‚Thunder Road‘ das erste Mal Sex.“ Die meisten Aufnahmen sind mit Smartphone oder Bildschirmkameras gedreht, und allein durch die verwendete Technik kommen die Fans also dem Zuschauer fast unangenehm nah, wenn sie von ihren intimsten Momenten mit dem Boss erzählen. Man blickt in Wohnzimmer, in Küchen und Schlafzimmer. Den ganzen Film durchzieht eine You-Tube- Ästhetik. Wie Springsteen selbst, so haben auch seine Anhänger keine Angst vor dem ganz großen Pathos. „Der Held der Arbeiterklasse“, ist Springsteen für sie, „Familie“, „Ehre“ sogar so etwas wie ein Gott. „In him we trust“, erklärt ein Fan.

Unterbrochen werden die Selbst-Inszenierungen durch Auftritte von Springsteen selbst. Der Boss, unglaublich jung, wie er „Growing Up“ singt, ein Konzertmitschnitt aus einer Uni-Stadt, bei dem er über Oral-Sex sinniert, und immer wieder Momente, in denen der Fans zu sich auf die Bühne hebt. Auch diese Fans treffen wir im Film wieder.

Es gibt unangenehme Fans, interessanterweise meist weibliche, wie eine Mutter, die ihren Kinder auf jeder einzelnen Autofahrt Bruce Springsteens Musik aufzwingt. Und es gibt entzückende Springsteen Verehrer, wie das Kind, das Springsteen so mag, weil er sich wirklich anstrengt und schon nach dem ersten Song furchtbar schwitzt, oder das Rocker-Pärchen, das noch nie auf einem Konzert war, weil es sich die Tickets nicht leisten kann, dann aber einfach für die Kamera zuhause vor dem Sofa tanzt. Seit 28 Jahren sind sie verheiratet, seit 28 Jahren verehren sie gemeinsam Bruce Springsteen. „Wir sind immer noch zusammen“, sagt sie und es ist einer der schönsten Momente dieses Films.

Wer mit Springsteen nichts anfangen kann, für den muss das alles furchtbar peinlich sein. Die leicht spirituelle Dänin, die am Waldrand über die Musik und das Leben nachdenkt, oder die zarte Truckdriverin, die kaum älter als 20 ist. Sie filmt sich in der Fahrerkabine und ist so blass, dass man den Eindruck bekommt, sie habe eine Nacht auf dem Freeway hinter sich. Trotzdem kann man es nicht glauben, dass so eine schmale Frau so einen Riesentruck fährt. Ihr hat es die Arbeiterromantik von Springsteen besonders angetan. Sie hört am liebsten das Album „Nebraska“ mit viel Akustikgitarre und Mundharmonika. Springsteen gibt ihr das Gefühl, dass Menschen wie sie, die, die hart arbeiten, dieses Land voranbringen. „Wir sind das Rückgrat der Nation“, erklärt sie.

Aber für Menschen, die mit Springsteen nichts anfangen können, ist der Film auch gar nicht gemacht. Und für die anderen ist er wunderbar. Schon allein wegen des Soundtracks und der vielen eher unbekannten Konzertauschnitte aus den jungen Jahren. „Springsteen & I“ ist ein Fanfilm.