Kunstsache

Surfen an der Westküste

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma stellt sich Thaddeus Strode irgendwie als glücklichen Menschen vor, als Surfer, der in den sonnigen Wellen vor der Pazifik-Küste St. Monicas hin und her reitet. Malibu ist nicht weit und Venice Beach. Das klingt nach Klischee, aber wahrscheinlich hat sie recht. Strode, Jahrgang 1964, wurde in St. Monica geboren, studierte in der Stadt, und es ist kaum zu übersehen, dass sich seine poppig-bunten Werke ganz aus der kalifornischen Popkultur heraus entwickelt haben. Kanariengelb, prinzessinnen-pink, blutrot: seine Bildsprache ist eine muntere Mischung aus Comic, Graffiti, Sonne, Bill Board-Ästhetik mit eben der Leichtigkeit des Westküsten-„way of life“.

Er mischt dabei frech die Stile, ein bisschen Pollock, Warhol, McCarthy. Monster und Totenköpfe springen noch irgendwo herum. Es sei ihm also „nicht leicht beizukommen“ hat eine seiner Kuratorinnen, Sabine Eckmann, einmal bemerkt. „In my room“ ist nun bei Neugerriemschneider bereits die elfte Schau in Berlin, die gut einführt ins assoziative Universum des Künstlers, der humorvoll anarbeitet gegen den Mythos vom genialen Künstler. „I’am not dead yet“ zeigt einen kleinen gelben Sarg. Die quadratische Leinwand erinnert im Format an ein Plattencover, auf dem das runde Vinyl sichtbar ist mit einer dieser „Erzählungen“. Auf dem Boden im hinter Bereich liegt ein mächtiger Hai, der eher aussieht wie ein Wal und etwas zusammengeschustert wirkt mit seinem hohlen Pappmaché-Corpus. Der Amerikaner spielt augenzwinkernd an auf Damien Hirst eingelegte Wale in Formaldehyd, die auf dem Kunstmarkt einst auf Millionen kamen. Nun sind sie bei Strode nicht mehr als viel Luft.

Wer nun denkt, Strode segelt auf der fröhlichen Oberfläche der Dinge und Erscheinungen, der irrt. Emma steht vor einer Miniaturlandschaft, wie wir sie aus Eisenbahnzeiten unserer Kindheit kennen. Eine schwarze Toteninsel ist das, nahezu menschenleer, winzige Flaggenmeldungen künden vom „Verschwinden“ und dunklen „Geistern“. Für Emma sind das alles Schiffbrüchige am Rande der Welt. (Linienstr. 155, Mitte, Tel. 28877277. Nach Vereinbarung)

Nicht weniger depressiv geht es zu bei Valérie Fauvre, Malereiprofessorin an der UdK, derzeit zu sehen im n.b.k., Chausseestraße, Mitte. Seit bereits zehn Jahren widmet sich die Schweizerin verschiedenen Todesarten. So heißt die Ausstellung kurz und bündig: „Selbstmord. Suizid“. Ein makaberes Kabinett: 129 kleine Tafeln hängen dicht an dicht an der Wand, auf Augenhöhe sichtet man die Todesarten, die Fauvre zusätzlich in flüchtiger Schrift unter den Bildern vermerkt hat: mit Pistole, erhängt, mit Gift, im Theater, vom Rang gestürzt, verbrannt, vergast. Winzige Figürchen, Strichmännchen ähnlich, legen da Hand an sich, verlöschen konturenlos im dunklen Bildgrund. Selbsttötung ist ein uralter Topos. Egal ob Frida Kahlo, Dalí, George Grosz, Max Beckmann oder Max Slevogt, fast jeder Maler beschäftigte sich mal mit dem Thema. Tatsächlich gab es den Werther-Effekt: Nach der Veröffentlichung von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ 1774 häuften sich die Selbstmorde.

Als sich Fauvre auf diese Ausstellung vorbereitete, setzte bei ihr der Blumen-Effekt ein. Täglich malte sie ein neues Blütenarrangement. Allerdings welken auch sie, Vergänglichkeit lauert bei Fauvre halt an jeder Ecke. (n.b.k., Chausseestr. 128/129, Di-So 12-18 Uhr, Do 12-20 Uhr. Bis 28. Juli)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien