Fotografie

Ein verklärter Blick auf den Berliner Alltag

Von außen draufschauen: Die australische Fotografin Kate Seabrook entdeckt an eher unwirtlichen Orten die Schönheiten der Stadt

Vor sechs Jahren kam sie das erste Mal in die Stadt, erzählt Kate Seabrook, und habe sich damals „irgendwie verliebt“ in Berlin. Dabei hat die 33-Jährige aus Australien sich in ein paar Dinge verguckt, von denen Einheimische zuweilen denken, sie machen einen so attraktiv wie eine krumme Nase oder das ausgeprägte Bäuchlein. So mag Kate Seabrook zum Beispiel den öffentlichen Nahverkehr. „Die U-Bahn ist großartig. Die Züge kommen pünktlich, und sie kommen alle vier Minuten“, sagt sie und ist sich in ihrem Urteil auch sehr sicher. „Jeder lacht, wenn ich das erzähle, aber die U-Bahn ist wirklich beeindruckend.“ In Australien gebe es so etwas nicht.

„Ein leicht obsessives Projekt“

Nun ist die Fotografin Kate Seabrook zwar noch nicht so lange in der Stadt sesshaft, aber mit U-Bahnen, damit kennt sie sich wirklich aus. „Endbahnhof“ heißt ihr populärstes Projekt (als sie „Endbahnhof, bitte steigen Sie aus“ hörte, hatte sie auch den Titel) und ist ein weiterer Beleg dafür, dass eine gute Idee in aller Regel simpel sein muss. Kate Seabrook hat sich aufgemacht und alle Bahnhöfe der Stadt fotografiert. Genau genommen sind es 173 Stationen, wobei sie die Umsteigebahnhöfe doppelt aufgenommen hat, schließlich ist ja bei einigen das Erscheinungsbild, wie am Nollendorfplatz oder Fehrbelliner Platz, auf den beiden Ebenen grundverschieden. Die ersten Bilder nahm sie im Februar des vergangenen Jahres auf, da war sie noch Touristin, und als sie nach Melbourne zurückkam, merkte sie beim Sichten all ihrer Fotografien, dass sie unverhältnismäßig viele U-Bahn-Ansichten aufgenommen hatte. Als sie wenige Monate dann fest nach Berlin übersiedelte, schaute sie sich die Stationen noch einmal näher an.

„Ich weiß, dass es ein leicht obsessives Projekt ist, und es dauerte auch Monate“, sagt sie, sie sei von Station zu Station gefahren und habe die Wand der U-Bahn fotografiert, schräg angeschaut habe sie bei ihrer Arbeit keiner, sagt sie, da müsse man hier schon mehr aufbieten. Was aber nun ist ausgerechnet an U-Bahn-Stationen so sexy? „Man kann die Geschichte der Stadt an den U-Bahnhöfen ablesen“, sagt sie. Die ersten sind 1902 gebaut, immer wieder kamen neue hinzu, in den Zeiten der Teilung gingen die Vorstellungen über die Gestaltung auseinander. Im Osten dominierte das nüchterne Erscheinungsbild, im Westen überwog das Verspielte

Im Netz ist die Stadtreise nachzuverfolgen (http://endbahnhof.tumblr.com), und die Objekte wechseln von ziemlich heruntergekommen bis ziemlich prachtvoll, bei manchen scheinen sich die Erbauer etwas gedacht zu haben (Spittelmarkt, Deutsche Oper), bei vielen ist einfach der Auftrag gewesen, einen weiteren Bahnhof ohne Schnickschnack zu bauen. Kate Seabrooks Lieblingslinie ist die U7, die Rudow und Spandau miteinander verbindet und ohnehin ein augenscheinlicher Beweis der These, dass Berlin ein Verbund höchst unterschiedlicher Kieze ist, insbesondere die Bahnhöfe wie Fehrbelliner Platz und Konstanzer Straße findet sie faszinierend. Die Linie sei „ein Wunderland der Pop-Art und postmoderner Architektur“.

Womit sie den Punkt getroffen hat: Der Blick des Einheimischen ist abgestumpft durch den immer wiederkehrenden Anblick des Gleichen; wer von außerhalb kommt, weiß die krachend bunte Kachelmischung überhaupt erst anzuerkennen. So passt es auch ganz gut, dass die BVG zwar von dem Projekt gehört hat, aber auch keine Anstalten macht, diese kostenlose Werbung für sich zu nutzen.

Seit Mitte 2012 wohnt Kate Seabrock aus Melbourne mit ihrem Mann in Wedding, später zog noch Igor, die Katze, ein. Vom Fotografieren kann sie nicht leben, sie verdient das Geld als Texterin für eine Firma in Amsterdam – eine Australierin, die in Berlin für ein holländische Unternehmen arbeitet: „Es wird immer sehr kompliziert, wenn ich meine Steuererklärung mache“, sagt sie und muss lachen. Sie sucht nach einem Verlag für ihre Bilder, das Internet hilft ihr, dass ihre Fotografien wahrgenommen werden. Sie denkt schnell und redet schnell und spricht dieses sehr lustige australische Englisch und hat ihren eigenen Kopf. Hochzeitsfotos wolle sie genauso wenig machen wie journalistische Arbeiten, sie möchte selber etwas erschaffen: „Das ist besser, als wenn man mir jemand Geld gibt und mir sagt, was ich zu tun habe.“

Wenn alle Stricke reißen, sollte sie die Stadt als Werbebotschafterin einkaufen. Berlin sei „gut organisiert“, habe eine „großartige Architektur“, sie preist die öffentlichen Grünanlagen, und überhaupt sei Berlin „vibrierend, kreativ, unverwüstlich, belastbar“. Es ist, wie so oft, eine Frage des Blickwinkels, aus ihrer australischen Perspektive, wie sie selbst sagt, werde man als Mieter hier besser behandelt als in ihrer Heimat.

Sie ist eine Geschichtenerzählerin, es geht in ihren Arbeiten nicht um das einzelne Bild, sondern darum, eine Auffälligkeit, eine Besonderheit zu dokumentieren. Deren Originalität ist erst durch das Serielle zu erkennen. Sie schaut sich die Dinge genauer an, die den meisten Menschen nicht einmal eine Betrachtung wert ist.

Kate Seabrook hat das Stadium des Verliebtseins in ihrer nicht mehr ganz so neuen Heimat Berlin noch immer nicht verlassen. Im Moment fährt sie unermüdlich durch die Stadt und hält die Erdbeerhäuschen fest. Wenn sie in der Stadt aufgestellt werden, dann ist es der letzte Beweis, dass der Sommer bevorsteht. Andererseits, das macht die Serie auf charmante Weise klar, stehen diese quietschrot-vergnüglichen Buden auch häufig an den allergrausten Plätzen in der Stadt. Man sieht sie in der Holzhauser Straße, an der Jannowitzbrücke, den Hallen am Borsigturm und am Südkreuz, dem wohl unwirtlichsten Bahnhof der Neuzeit.

Und auch die Fotografie-Serie „Good Wedding“ ist mit dem erklärten Anspruch, die netten Seiten eines nicht immer nett anzuschauenden Bezirks herauszuarbeiten, eine Arbeit, die lang eingesessenen Bewohner nicht unbedingt in den Sinn gekommen wären. „Der Wedding ist komplett unterschätzt“, sagt Kate Seabrook. Und schränkt im nächsten Moment ein: „Zugegeben, ich habe auch meine rosa Brille aufgesetzt.“