Serie: Chöre in Berlin

„Das ist so eine innige, schöne Musik“

Serie, Teil 3: Der Shalom-Chor Berlin widmet sich in Steglitz israelischem und jüdischem Liedgut – religionsübergreifend

Caesar macht es sich auf dem Boden der Kirche der Baptistengemeinde Steglitz bequem. Es ist ein Dienstagabend – Zeit für die Chorprobe des Berliner Shalom-Chores. Der Hund gehört seit vielen Jahren zum Ensemble, auch wenn er bei den Proben meistens einschläft.

Im Jahr 1994 kam der Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Estrongo Nachama, mit dem Steglitzer Gemeindechor unter Leitung von Frau Elisabeth Liebig für ein geplantes, gemeinsames Konzert in Berührung. Aus dieser Begegnung entstand die Idee, einen Chor zu gründen, der sich der jüdischen Musik widmet und somit jüdisches Leben wieder mehr in das Berliner Bewusstsein bringt. Walter Löhr ist von Anfang an dabei. Er ist der Organisator, ohne ihn läuft nichts. Er tut vieles, außer mitsingen. Er kopiert die Noten, beantwortet Emails und organisiert mit dem Chorteam Konzerte und Auftritte. „Ich kann nicht gut singen. In der Schule bekam ich in Musik immer einen Strich“, sagt er augenzwinkernd. Seine Frau ist da anders – sie singt im Alt des Shalom-Chors.

Es geht zur Sache

Der Chor ist konfessionell bunt gemischt. Katholisch, evangelisch, jüdisch – all diese Glaubensrichtungen sind bei den derzeit 37 Chorsängerinnen und -sängern vertreten. In Berlins großen Synagogen, Konzertsälen und Kirchen sowie in vielen anderen Städten und Ländern konnte der Chor seinen Zuhörern die überwiegend synagogalen Lieder vortragen. Einige Auftritte haben den Chor auch schon außerhalb der Berliner Stadtgrenze zum Singen gebracht. So reisten die Sänger im vergangenen Herbst anlässlich eines Festkonzerts des jüdischen Zentrums nach Hannover.

Es wird jüdisches und israelisches Liedgut gesungen. „Das ist so eine innige, schöne Musik“, sagt Walter Löhr. Obwohl er nicht jüdisch ist, hat er eine Beziehung zu der Konfession, wohl auch gerade durch seine Arbeit im Chor. Von seinem Handy-Display blitzt einem das Foto eines jüdischen Leuchters, die Menora, mit dem Chor im Hintergrund entgegen. Er hat es als Hintergrundbild eingerichtet.

Sieben der rund 35 Chorleute sind jüdischen Glaubens. Eine davon ist Sibylle Schuchardt. Für sie ist das Mitsingen im Shalom-Chor auch eine Möglichkeit, das jüdische Liedgut wieder aufleben zu lassen und damit das jüdische Leben in Berlin lebendig zu halten. Die synagogale Musik wurde vor allem im 19. Jahrhundert komponiert. Der Nationalsozialismus wollte diese Kultur zerstören, doch die Überlebenden des Holocaust haben dafür Sorge getragen, dass sie weiter bestehen kann – und jetzt eine Renaissance erleben darf.

Nikola David ist der Leiter des Chores. Er stimmt jeden Dienstag um 19 Uhr die Probe mit Einsingübungen an. Dabei ist er mit seinen Choristen nicht zimperlich: Bis in die höchsten Höhen jagt er sie. Kein Wunder, denn er hat einen professionellen Anspruch. „Ich bin eigentlich ein ausgebildeter Tenor. Ich habe mich aber 2008 von der Bühnenkarriere verabschiedet und bin ans Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam gekommen.“

Dort wurde er als einer der ersten Studenten eines Seminars für jüdische Kantoren aufgenommen. Im April dieses Jahres wurde er in der Erfurter Synagoge ordiniert. „Man kann nicht beides machen, in der Kirche und auf der Bühne singen. Man muss sich schon entscheiden.“

Seine Entscheidung für den Shalom-Chor wurde ihm leicht gemacht. Als man ihn 2011 fragte, ob er ein Projekt mit dem Chor leiten würde, studierte er noch und hatte eigentlich viel zu viel zu tun. Doch der Chor überzeugte ihn. „Die Mitglieder interessieren sich sehr für das, was sie singen. Sie sind mit viel Engagement dabei. Und als ich anmerkte, dass ich nur dienstags proben könnte, weil ich an den anderen Tagen studiere oder bei meiner Familie in Augsburg bin, wurde die Probe einstimmig von Montag auf Dienstag verlegt.“

Nikola David ist ein Gewinn für den Chor. Seine professionelle Ausbildung hilft dabei, das Niveau des Chores zu erhalten und zu verbessern. Außerdem hat er eine tiefe Kenntnis des jüdischen Liedgutes und kann die Stimmung in den Gesängen gut vermitteln. Und er ist offen für Neues. So war der Chor im Mai dieses Jahres auf dem European Jewish Choir Festival in Wien. „Der Wiener Jüdische Chor hatte uns angeschrieben, dass es ein erstes jüdisches Chorfestival geben sollte“, erzählt Walter Löhr. Über vierhundert Chorsänger aus ganz Europa haben teilgenommen. Man stellte sich und seine Arbeit gegenseitig vor. Und am Rande wurde viel gefeiert – natürlich auf die jüdische Art. „Wir haben zusammen Sabbat gefeiert, gesungen, gegessen, getrunken und getanzt. Zum Schluss gab es dann ein großes Galakonzert im Austria-Center.“ Man fühlte sich wohl in dieser Atmosphäre – endlich zusammen mit Gleichgesinnten, Menschen, die Freude am Singen jüdischer Chorliteratur haben.

Die Probe ist nun im vollen Gange. Nach den Einsingübungen geht es jetzt an die Nummer 100 im Repertoire des Chores. „Hitrag’ut“ heißt das Lied. Es geht um Sehnsucht nach Geborgenheit und einem einfachen Leben unter Mandelbäumen. Der besondere Reiz der Musik liegt im Frage-Antwort-Spiel zwischen Chor und Solist. Nikola Davids Stimme füllt in den Tenorpassagen die Kirche, vibriert bis in die Zehen hinein und wird von den ruhigen Choreinwürfen wieder eingefangen. Es entsteht eine ganz andächtige Stimmung, die noch anhält, als das Lied beendet ist. Geprobt im Sinne von akribischem Auseinandernehmen einzelner Stimmen wird kaum. Es geht ums Singen und um das Erhaschen der Atmosphäre, die die Lieder vermitteln.

So auch in der Nummer 34. „Eli Eli“ – „Mein Gott, mein Gott, Mein Gott, mein Gott, mögen der Sand und das Meer, das Rauschen des Wassers, der Glanz des Himmels, das Gebet der Menschen nie zu Ende gehen.“ Der Chor singt es im Stehen und wiegt dabei von links nach rechts, dass man sich die Wellen des Wassers wirklich vorstellen kann. Obwohl der Text tief religiös ist, wirkt die Musik fast weltlich, erheiternd, nicht so überladen, wie man es zuweilen aus christlichen Gottesdiensten kennt.

Auch dieser Probenabend hat ein Ende. Heute ist aber ein besonderer Tag: Der Chor schenkt Organisator Walter Löhr ein Fotoalbum. „Das sind die Fotos vom European Jewish Choir Festival in Wien!“ – er erinnert sich an die außergewöhnliche Stimmung in den paar Tagen – die paar Tage, die ohne seine Organisation und Unterstützung niemals so gelungen wären, wie ein Chormitglied am Rande betont. Es wird noch lange zusammen gestanden an diesem Abend und geredet, Ohrwürmer summend gehen die Chormitglieder schließlich zum Bus oder zur S-Bahn.

Der Shalom-Chor probt jeden Dienstag von 19- bis 21 Uhr in der Baptistengemeinde Steglitz, Rothenburgstraße 12a. Neue Sängerinnen und Sänger sind willkommen.