Konzert

Leonard Cohen: Ein Überirdischer zu Gast in Berlin

78 Jahre Verführung, Poesie und Eleganz vereint Leonard Cohen diesen Abend in der O2-World.

Mit jedem Jahr wird seine Stimme eine Spur dunkler, einen Ton tiefer. An den Konzerten ändert sich wenig. Die ersten sieben Stücke spielt Cohen, unterstützt von seiner Band, in der gleichen Reihenfolge wie letztes Jahr in der Waldbühne, was sie aber nicht weniger grandios macht.

Schon beim allerersten Stück „Dance Me To The End Of Love“ geht Cohen auf die Knie. Es ist, als würde man erahnen können, wie es sich anhören muss, wenn Gott singt. Zumindest wenn man glaubt, dass Gott ein alter kanadischer Mann in einem Anzug ist. Aber wer weiß das schon? Cohen jedenfalls ist überirdisch. Und dazu noch unglaublich komisch. „Danke meine Freunde, dass ihr kommt, dass ihr so weit nach oben klettert für uns“, er schaut dabei auf das aus seiner Sicht absurd anmutende Bild, wie sich Zuschauer über Zuschauer auf mehreren Ebenen der Konzerthalle stapeln.

Allein im Wippen seiner Knie liegt eine Weisheit, die wenige jemals erreichen. Unter seinem Jackett blitzt ein rosa-farbenes Hemd auf. Und wie er federnd die herrlich schmutzige Dystopie „The Future“ vorträgt, kann man nicht anders, als es im gleichtun zu wollen – versaute Witze in große Songs verwandeln und dafür als Dichter verehrt zu werden, dass schaffen nur die wenigsten. Oscar Wilde war einer von ihnen.

Nach der Pause hält sich die Band zurück. Cohen steht an einem Synthesizer und singt zum daraus entspringenden Drumbeat, es ist ein Alleinunterhalter-Rhythmus, wie wir ihn auf Familienfeiern gehört haben, „Tower Of Song“. Dazu ein engelsgleiches Da-Dü-Da-Damm der Background-Sängerinnen. Das 1988 erschienene Album „I’m Your Man“ markierte damals Cohens Öffnung für den Zeitgeist, man könnte fast von einem Synth-Pop-Album sprechen.

Er spielt die kindliche Melodie auf diesem kleinen Keyboard. Der große Songwirter, der Dichter, an einem Plastikinstrument, er weiß um diese Komik. „Do you humour me?“, fragt er nach dem nicht mehr endenden wollenden Applaus. Frei übersetzt: „Findet ihr denn alles gut, was ich mache?“ Natürlich tun sie das, und Cohen schenkt Berlin das Lächeln eines Kindes.

Bei „I’m Your Man“ wird klar, dass es nur einen geben kann. Die Gypsy-Geige des 33-jährigen Geigers Alexandru Bublitchi singt von all den guten Zeiten. Wer einen Liebhaber, einen Partner, einen Boxer, einen Doktor oder einen Fahrer braucht, Cohen ist der Richtige. Er hält uns die Hand, er steigt in den Ring und fährt mit uns bis ans Ende unserer Zeit.