Roberto Bolaño

Beunruhigen, erschrecken, aufscheuchen

Der moralische Appell war nicht seine Sache: Vor zehn Jahr starb Roberto Bolaño. Der Chilene erneuerte die Gegenwartsliteratur

Ende Juni ging in Barcelona die Ausstellung „Archivo Bolaño 1977–2003“ zu Ende, eine Präsentation von Manuskripten, Notizen und persönlichen Gegenständen aus dem Nachlass Roberto Bolaños, der erst nach seinem Tod zu einem Star der Weltliteratur wurde. Viel dazu beigetragen hat seine Biografie, ein Traum für jeden Literaturvermarkter und Klappentextschreiber. Bolaño, 1953 in Santiago de Chile geboren, verbrachte seine Jugend in Mexiko, ehe er 1973 zurückkehrte, in die Wirren nach dem Militärputsch gegen die Allende-Regierung geriet und wegen seines mexikanischen Akzents verhaftet wurde.

Acht Tage lang saß er mit der Ungewissheit, ob man ihn erschießen würde, in einer Zelle, bis ihn zwei Wärter als ehemaligen Schulkameraden wiedererkannten und davonkommen ließen. Bolaño ging nach Mexiko zurück, um schließlich 1977 nach Spanien auszuwandern, im Touristenort Blanes an der Costa Brava sesshaft zu werden, sich als Campingplatzwächter, Kellner oder Hilfsarbeiter durchzuschlagen, Ehemann und Vater zu werden und Gedichte zu schreiben, überzeugt, dass niemand sie veröffentlichen würde.

Eine Lawine von Texten

Mit 40, heißt es, hatte er genug von seiner prekären Existenz und gab die Lyrik auf, um es mit Prosa zu versuchen. In den zehn Jahren, die ihm bis zu seinem frühen Tod an Hepatitis C blieben, schrieb er wie ein Besessener, zwei monumentale und mindestens zehn schmalere Romane, eine Unzahl von Kurzgeschichten, dazu Essays, Rezensionen und zuletzt auch eine Kolumne für eine Tageszeitung – eine regelrechte Lawine von Texten, von denen die meisten erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

Über Dichterverehrung, so wie die in Barcelona, hat sich Bolaño selbst verlässlich lustig gemacht. In Mexiko hatte er als junger Mann eine Gruppe mitbegründet, die sich „Infrarealisten“ nannte und zu deren Spezialitäten es gehörte, bei Lesungen aufzutauchen, um die Vortragenden lautstark zu beschimpfen. Es ging dabei um mehr als um halbstarke Provokationen. Das Manifest der „Infrarealisten“, 1976 von Bolaño verfasst, erklärt jeder Poesie den Krieg, die pompöse Prätentionen auf Welterklärung und Sinnstiftung macht.

Wahre Dichter, heißt es, seien wie Guerillas, wie Ufos, wie Augen von Gefangenen in Ketten. Es ist die Absage an jede Art Literatur, wie sie von Autoren wie Günter Grass, Gabriel García Márquez, John Irving betrieben wird, an ihre Moralismen, ihre Bereitschaft, sich vom Establishment schmeicheln zu lassen, an ihren Hochmut, die Welt deuten zu wollen, statt sich damit zu begnügen, sich von ihr beunruhigen, erschrecken, aufscheuchen zu lassen.

Die Allergie gegen solche Literatur hat Bolaño nie mehr verloren. Vermutlich gibt es keinen zweiten Gegenwartsautor, der sich in seinem Werk so hartnäckig mit dem Sozialtypus des Dichters auseinandergesetzt hat, und selten hat er eine Gelegenheit ausgelassen, Autoren zu beschimpfen, die seinen ästhetischen und ethischen Ansprüchen nicht genügten. Isabel Allende? „Plagiat, Mittelmaß, Unvermögen“. Der Magische Realismus der lateinamerikanischen Großdichter? „Stinkt.“ García Márquez? „Ein Mann, der ein schauderhaftes Vergnügen daran findet, mit so vielen Präsidenten und Kardinälen zu verkehren.“

Kann es sein, dass man Bolaño missversteht, wenn man in ihm den Dichter sieht – ein zugegeben verrückter Verdacht bei jemandem, der ein Dutzend Bände großartiger Prosa hinterlassen hat, völlig zu Recht als Erneuerer der lateinamerikanischen und der postmodernen Literatur gilt und mit David Foster Wallace um den Titel des allergrößten viel zu früh von uns gegangenen Gegenwartsdichters kämpft?

Und doch gibt es in Bolaños Werk Indizien. Es zeichnet sich durch Qualitäten aus, die man durchaus als antiliterarisch wahrnehmen kann: all die Non-Sequiturs, Löcher und Sackgassen in seinen Geschichten, der Verzicht auf sprachliche Akrobatik, die Bereitschaft, jeder Abzweigung nachzugehen. Und auch wenn man Bolaños Prosa verlässlich wiedererkennt, gibt es merkwürdigerweise nicht so etwas wie einen Bolaño-Stil – stattdessen einen Autor, der in Dutzenden von Stimmen und Registern spricht, einen Zungen- und Bauchredner.

Vielleicht gibt das Bolaños Texten ihren hypnotischen Sog: Bei ihrer Lektüre hat man immer wieder das beunruhigende Gefühl, sie seien drauf und dran, über ihre Ufer zu treten, um sich mit dem eigenen Unbewussten zu verhaken. Wohin er wollte, hat Bolaño in seinem monumentalen Roman „2666“ selbst angedeutet, in einer Passage, in der darüber verhandelt wird, ob dem kleineren Werk der Vorzug vor dem größeren gegeben werden sollte: „Trauriges Paradox, dachte Amalfitano. Nicht einmal die belesenen Apotheker wagen sich mehr an die großen, die unvollkommenen, die überschäumenden Werke, die Schneisen ins Unbekannte schlagen. Sie geben den perfekten Fingerübungen der großen Meister den Vorzug.“

Wenn Bolaño etwas wie eine Methode hatte, könnte man sie „detektivisches Schreiben“ nennen. Es begibt sich dorthin, wo es gefährlich wird, folgt allen Spuren und Möglichkeiten, die sich dabei ergeben, treibt sich in allen, auch den dunklen Bezirken herum, setzt sich selbst aufs Spiel. Und wie ein Detektiv immer wieder neu anfangen und dabei achtgeben muss, sich nicht selbst zu verlieren, so besteht die Aufgabe des Dichterdetektivs darin, auszuhalten: „Geschichte und Handlung wird einem vom Zufall zugespielt, sie gehören zum Reich des Zufalls, des Chaos, der Unordnung, einem Reich in ständigem Tumult (den manche apokalyptisch nennen). Form dagegen ist etwas, was man mit Klugheit, List und Schweigen wählt, all den Waffen, die Odysseus in seinem Kampf gegen den Tod verwendete.“