Literatur

Ein Affe in Berlin

Mustafa Haikal erzählt das Leben des ersten Gorillas in Europa als Parabel auf die Zivilisation

Die Berliner kamen in Scharen; und tatsächlich war es eine Sensation. Man erwartete ein Furcht einflößendes Ungeheuer, ein bärenartiges Fabeltier mit wuchtigen Eckzähnen, „eines der scheußlichsten Geschöpfe“ und „bösartigsten Wesen“, das man sich vorstellen könne. Doch was die Schaulustigen dann im Sommer 1876 im Aquarium Unter den Linden erlebten – damals eine fantastische Inszenierung der Natur in Form eines „Thiergartens unter Dach und Fach“, in dem man verschiedene Lebensräume der Tiere durchschreiten konnte –, entsprach so gar nicht dem beängstigenden Ruf, der dem Tier vorausgeeilt war.

M’Pungu oder Master Pongo, wie es genannt wurde, war das gut 80 Zentimeter große, etwa 15 Monate alte männliche Jungtier eines Gorillas. Eine Gruppe deutscher Afrikaforscher hatte es von Händlern aus dem Hinterland der Loango-Küste im heutigen Angola erworben und mit nach Berlin gebracht, als die „wertvollste Eroberung“ dieser Pionierunternehmung der deutschen Afrikaforschung. Ausgezogen, um einen Kontinent zu durchmessen, blieb den Männern am Ende ihrer Reise ein kleiner Gorilla als wichtigste Trophäe. So sahen die Besucher des vom Tierforscher Alfred Brehm gegründeten Aquariums ein zutrauliches Geschöpf, „ein bezauberndes Wesen von entzückenden Manieren“, das dazu neugierig und lernfähig war und wie ein kleines Kind versorgt werden musste. Erst im Alter, meinten die Wissenschaftler, offenbare sich der bösartige Charakter des Ungeheuers.

Der Sach- und Kinderbuchautor Mustafa Haikal erzählt mit dem Leben dieses Gorillas eine einzigartige Geschichte, die er aus einer Vielzahl von Quellen rekonstruiert hat; darunter schwer lesbare Tagebücher einiger Expeditionsteilnehmer, aus denen ihre enge Beziehung zu M’Pungu hervorschimmert; darunter auch alte Tageszeitungen und Journale, in denen die Sensation marktschreierisch vermeldet wurde. Sie umspannt einen weiten Bogen ungewöhnlicher Schauplätze – von Westafrika, wo der Gorilla gefangen wurde, bis in die europäischen Metropolen, nach Liverpool, Hamburg und zum Royal Aquarium in London gegenüber der Westminster Abbey, wo er ebenso zur Schau gestellt wurde wie in Berlins Unter den Linden. Zum Abschluss seiner Geschichte hat Haikal im April 2010 im Berliner Naturkundemuseum Schädel und Skelett des M’Pungu mit der Inventarisierungsnummer 85777 entdeckt, nachdem niemand geahnt hatte, dass diese Überreste nach über 130 Jahren noch existierten. Offenbar waren sie mit anderen Exponaten der zoologischen Universitätssammlung in das 1889 eröffnete Museum für Naturkunde gekommen.

Die Geschichte von M’Pungu ist zugleich eine kleine Kulturgeschichte des Gorillas, die auch von Darwin, der großen Frage nach der Abstammung der Arten und vor allem von der anthropozentrischen Fokussierung auf unsere tierischen Wurzeln erzählt. Dabei geht es nicht nur um wissenschaftlichen Ehrgeiz und Erkenntnis; auch um Geld, um Herrschaft und Inbesitznahme. Vordergründig die leicht lesbar erzählte Biografie eines Menschenaffen, berichtet „Master Pongo“ zudem von der Eroberung des Raumes, dem Anspruch der europäischen Mächte, jeden Winkel der Erde zu durchleuchten und zu besitzen.

Mustafa Haikal: Master Pongo. Ein Gorilla erobert Europa. Transit, Berlin. 128 S., 16,80 Euro