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Kerstin Giers Fantasie hat viel Sinn für die Realität

Kerstin Gier hat den Schritt ins Jugend-Fantasy-Genre bereits 2009 gemacht: Da kam „Rubinrot“ auf den Markt, der erste Band ihrer „Edelstein-Trilogie“ um die 16-jährige Gwendolyn.

Auch Liv Silber, die Heldin von Giers neuestem Jugendbuch „Silber“, fühlt sich im 21. Jahrhundert durchaus wohl, ihre Abneigung richtet sich eher gegen den sechsten Umzug in acht Jahren, zu dem ihre exzentrische Mutter sie gezwungen hat, und gegen deren neuen Freund. Herrlich, diese stinknormalen Teenienöte! Und auch, als die 15-Jährige an ihrer schicken neuen Londoner Schule an eine Clique schnieker Jungs gerät, die in einem schwachen Moment einen Bösewicht aus der Unterwelt befreit haben, der sie nun terrorisiert, bleibt Liv cool.

Liv behandelt gewissermaßen die eigene Geschichte mit jener Selbstironie, die jeder vernünftige Mensch einem Genre gegenüber aufbringen sollte, in dem sich – vergleiche „Twilight“, Band III – ein eifersüchtiger Werwolf in ein siebenjähriges Mädchen verliebt, das die Tochter der Ex-Freundin ist und von dieser mit dem einstigen Rivalen gezeugt wurde, einem hypersensiblen Vampir, und die gesamte, aus Werwölfen, Vampiren und Normalsterblichen bestehende Verwandtschaft genervt ist von dieser Beziehung. „Silber“ hat da mehr von Fernsehserien wie „Charmed“ oder „Gilmore Girls“ – es gibt an Livs Schule zum Beispiel wie in „Gossip Girl“ den Blog einer anonymen Verfasserin, die sich über die Mitschüler auslässt. So viel Sinn für Realität im Fantasygenre ist doch mal ein echter Grund zur Freude.

Kerstin Gier: Silber. S. Fischer, 413 Seiten, 18,99 Euro