Konzert

Tanzen wie beim Abschlussball

Vampire Weekend sind frisch gebügelte Hipster aus New York. In Berlin können sie sich auf ihre artigen Fans verlassen

Schon mit dem ersten übernervösen „Cousins“, mit dem die New Yorker Vampire Weekend diesen Abend im Astra beginnen, ergeben sie sich komplett den Wünschen der etwas über tausenddreihundert Fans, die es nach Friedrichshain geschafft haben. Es geht zu wie auf einem amerikanischen Abschlussball in den Sechzigern. Bunte Kleider werden hastig hin und her geworfen bei den Schritten, die immer einen Tick zu aufgeregt, zu schnell scheinen.

Vampire Weekend sind die Tanzkapelle dieses noch jungen und sehr warmen Abends. Jedes Stück wird zum Hummelflug. Vibrierende Gitarrensechzehntel wie von aufgedrehten Surfmusikern. Das Schlagzeug scheppert blechern. Vor einer Wand aus gemalten Blumen entwickelt sich eine Musik, die man wohl am besten als modisch bezeichnen kann. Modisch, weil angesagt.

Die Bezeichnung Indie-Pop oder Indie-Rock offenbart seine Bedeutungsunschärfe. Vampire Weekend sind kein Untergrund, sie sind auch nicht Independent. Sie sind schlicht erfolgreich mit einem Klang, der vom lautmalerischen Doo-Woop der Tokens („The Lion Sleeps Tonight“) über den Hey-Hey-Hüpf-Moment der Ska-Musik bis zur einer europäischen, vom Cembalo gestützten Kammermusik reicht. Typisch für New York ist das. Sänger und Songwriter Ezra Koenig studierte Literatur an der Columbia. Vampire Weekend sind springende Spielkinder, aber ihre Songs bleiben akademisch strukturiert.

Hektische Sommernachtsträume

Hinter dem Anschein hektischer Sommernachtsträume verweben Vampire Weekend unzählige rote Fäden der (Pop-) Kultur. Da taucht Peter Gabriel in den Zeilen ihres Songs „Cape Cod Kwassa Kwassa“ auf. Kwassa Kwassa ist ein Tanz aus dem Kongo und Gabriel, als großer Freund der Weltmusik, initiierte 1982 das Projekt Womad (World of Music, Arts and Dance), also ein Weltmusikfestival mit Kunst und Tänzen. Und Leute, die das wissen, lachen dann ein bisschen, weil das für sie urkomisch ist.

Auf den Gabriel-Witz folgt schon der nächste. Es gibt ja Bands oder Musiker, die erzählen wirklich Witze auf der Bühne. Olli Schulz macht das, oder die kalifornische Punkband NOFX. Vampire Weekend erzählen gar keine Witze, sie verstecken sie. Sie bedienen sich des sublimen Wortwitzhumors von Gymnasiasten und Studenten. Man könnte meinen, sie singen über eine junge Dame, die Diane heißt, der Titel „Diane Young“ lässt es vermuten. Aber es geht tatsächlich um das junge Sterben.

„Dying Young“, also jung sterben, wird phonetisch einfach in „Diane Young“ übertragen. Im Video zum Song stellen die New Yorker das letzte Abendmahl nach. Eine ausufernde Party ist das selbstverständlich. Mit Kerzen, Konfetti und aus dem Mund spritzendem Champagner. Und wieder kann man sich das Kichern nicht verkneifen.

Ursprünglich sollten Vampire Weekend im Tempodrom auftreten. Mit den letzten zwei Alben standen sie auf Platz EIns der amerikanischen Billboard Charts. Aber Gold und Platin drüben füllen eben nicht zwangsläufig die Hallen diesseits des Atlantiks. Und so gastiert das Quartett im deutlich kleineren Astra. Wahrscheinlich war das gut so. Weil sich so die Zuschauer näher kommen müssen beim „Ya Hey“, diesem Bass-Schunkler mit Marimbaphon des im Mai erschienenen, dritten Albums „Modern Vampires of the City“. „Ut Deo“ – zu Gott – singt Ezra Koenig im Refrain.

Er singt vom brennenden Dornbusch, von den Zelten, in denen die Wanderer um Moses schliefen, und schließt bedeutsam mit einem James-Joyce-Zitat. Aber vor der Bühne ist das ganz egal. Vor der Bühne sind die jungen Menschen, und sie taumeln und schließen die Augen. Und wenn sie doch mal nach oben schauen, dann sehen sie diese jungen, adrett gekleideten New Yorker, die so unglaublich schnell spielen.

Outfit aus alten Zeiten

Wie schön alt die Band doch aussieht. Also nicht körperlich alt, sondern wie aus einer anderen Zeit. Koenigs Polohemd ist bis kurz über die Brust schwarz und ab da, wo der erste Knopf des Kragens geschlossen wird, scheint es blütenweiß. Ein Outfit aus der Zeit von Major Nelson, den großen Cadillacs und dem weißen Grinsen John F. Kennedys. Der Bassist Chris Baio droht sich bei jedem Schwung die Schulter auszukugeln, so kräftig, so gewaltvoll ist sein Spiel. Sein Bass klingt so wie ein Techno-Club von außen. Vampire Weekend sind eine Band und kein Theater. Die Dramaturgie steckt in ihren erzählenden Drei-Minuten-Stücken. Arme gehen auf und ab. Die Viertel werden mitgeklatscht. Zwei, drei, Wechselschritt. Und vor zwölf heißt es noch, mit sauberem Hemdkragen und unbefleckten Kleid Händchen haltend nach Hause gehen.