Kino

Ein Berlinale-Sieger, der in seiner Heimat diskreditiert wurde

Das Schwein der Lakatos-Familie ist entlaufen. Nachts stößt es im Wald entsetzliche Laute aus, vor denen sich vor allem „die Zigeuner“ fürchten.

Dieses Schwein ist das einzig überlebende Lebewesen nach dem Mord an einer Roma-Familie in einem ungarischen Dorf. Tagsüber patrouilliert daher eine Roma-Bürgerwehr; man versucht, aufeinander aufzupassen. „Nur der Wind“ lautet die deutsche Übersetzung des ungarischen Films „Csak a Szél“, der nun, 17 Monate nach seiner Weltpremiere auf der Berlinale, endlich in die deutschen Kinos gelangt. Dass er unter dem englischen Festivaltitel „Just The Wind“ gezeigt wird, ist eine Unart deutscher Verleiher. Der Film von Bence Fliegauf, die eintägige Chronik des Lebens einer bedrohten Roma-Familie, wurde schon während der Berlinale zum Politikum.

Im Vorspann wird eine Mordserie an ungarischen Roma erwähnt, der 2008 und 2009 acht Menschen zum Opfer fielen. Fliegauf betont, dass seine Version eine fiktionale Aufarbeitung sei. Dennoch fühlte sich der ungarische Staat bemüßigt, die westlichen Filmkritiker mit einer Flugblattaktion noch während der Berlinale-Pressekonferenz aufzuklären. Das „Ministerium für öffentliche Verwaltung und Justiz, Staatssekretariat für Soziale Integration“ betonte, dass es neben diesen Morden an ungarischen Roma auch in Norwegen und Deutschland zu rassistischen Morden gekommen sei und erwähnte namentlich Anders Breivik und die „Döner-Morde“. Auf drei Flugblattseiten wurden die Verfasser nicht müde, sich selbst und ihre Strategie zur Integration der Roma in Ungarn zu loben.

In seinem Film zeigt der Regisseur, wie eine Familie in bitterster Armut lebt. Dabei vermeidet Fliegauf ein politisch korrektes Betroffenheitskino und zeigt nicht nur den alltäglichen Rassismus, sondern eine insgesamt verrohte ungarische Gesellschaft in der Provinz. Zunehmend fängt die Handkamera die dauerhafte Bedrohung ein. So fährt ein schwarzes Auto mitten am Tag langsam neben dem Sohn der Familie her, und der versteckt sich im Haus der ermordeten Roma-Familie, als er zwei Polizisten nahen sieht. Der Kommissar bedauert unverblümt, dass die Mörder sich diesmal geirrt und „fleißige Zigeuner“ getötet hätten. Diese präzisen, lakonischen Dialoge verblüffen bei Fliegauf, der bisher für gediegenes Arthaus-Kino stand. Diesmal stellte der talentierte Ästhet sein Ego ganz in den Dienst der Geschichte und fand eine adäquate, dokumentarische Form. Sein Film gewann auf der Berlinale zu Recht den Großen Preis der Jury – und wurde Ungarns Kandidat für den Auslands-Oscar.

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