Kunst

Ein Picknickkorb voller Farbe

Sommerzeit ist Badezeit: Wie die Brücke-Maler in der Natur neue Motive für ihre Werke entdeckten. Eine Ausstellung im Museum in Dahlem

Es müssen wirklich schöne Tage gewesen sein: Das Thermometer steigt in sommerliche Höhe, die Stadt fern, die Landschaft lauschig und auf Konventionen, so weit es geht, pfeift man ohnehin. Schließlich ist man ja Künstler und auch noch miteinander befreundet. Man genießt also oft gemeinsam die Sommer- und Badefreuden.

So entstehen viele der Bilder der Brücke-Maler: Drei Grazien am Strand der Ostseeinsel Fehmarn. Rosa leuchtet ihr nackter Leib, weich und rundlich in die Landschaft gebettet wie die Steine auf dem Farbholzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner. Vermutlich stellt er seine Freundin Erna Schilling und ihre Schwester sowie Sidi Riha dar, Erich Heckels Gefährtin. Im Sommer 1912 verbrachte der Künstler unbeschwerte Tage im Haus des Leuchtturmwärters mit dem Besuch. Kaum im Wasser, wurden alle gezeichnet.

Die Voyeure am Strand

„Badende Frauen zwischen weißen Steinen“ erscheinen im Gegensatz zu Kirchners schroffen Großstadtpflanzen und dem nervösen Strich aus der Zeit des Ersten Weltkrieges ungewöhnlich harmonisch. Sommer-Sonne gleicht eben aus. Auf jeden Fall begünstigte das Malen in der freien Natur einen ausgewogenen Stil, wie auch der Rückenakt einer „Badenden“ mit Pagenkopf zeigt, den er in prägnanten Strichen aufs Papier warf.

Seine Zeichnungen betrachtete er als „Spiegel der Empfindungen eines Menschen in unserer Zeit.“ Sie waren ihm wichtiges, spontanes Ausdrucksmittel. Kirchners Stil ist wandelbar und verändert sich rasch. Abzulesen sind zwischen 1904 und 1932 große Unterschiede in seiner Entwicklung und Stimmung. Die Schau „Meisterstücke“ im Brücke-Museum bringt auch die grafische Bandbreite ans Licht. Sie präsentiert die schönsten Neuerwerbungen aus 25 Jahren.

Kirchners Werke standen dabei im Mittelpunkt der Erwerbungspolitik von Magdalena M. Moeller, seit 25 Jahren Direktorin des Hauses. 163 Zeichnungen und Aquarelle kaufte sie von ihm an, 65 Druckgrafiken und ein Gemälde – insgesamt 462 Arbeiten aller „Brücke“-Künstler gehören heute in den Fundus. Vielfach wurde der Zuwachs durch die Stiftung Deutsche Klassenlotterie ermöglicht, aber auch durch generöse Privatpersonen wie Henry G. Proskauer, der dem Museum 2003 das Bild Otto Muellers „In Dünen liegender Akt“ schenkte.

Mueller, der erst 1911 offiziell Mitglied der Künstlergruppe wurde, zog es wie seine Kollegen auch im Sommer ans Wasser. Licht und Landschaft am Meer übten eine besondere Magie aus. Waren es zunächst noch die Moritzburger Teiche bei Dresden gewesen, wo er mit Heckel, Kirchner und Max Pechstein der Freikörperkultur frönte und Badeszenen festhielt, so tummelten sich die Künstler später an Nord- und Ostsee. Dangast, Fehmarn und Nidden an der kurischen Nehrung zählten zu den bevorzugten Zielen.

Hier fanden die malenden Herren mit ihren Freundinnen Ruhe und Erholung von den Wirren der Großstadt, aber auch die Möglichkeit ungestört zu arbeiten. Wie Voyeure studierten sie den weiblichen Akt in freier Natur, beobachteten an einsamen Stränden Unbekleidete beim Baden und skizzierten die meist grazilen Körper ihrer Modelle. Auf ihren Körperbau fuhren sie ab, wie man Kirchners Notiz zur ersten Begegnung mit seiner Partnerin Erna Schilling entnehmen kann:

„Ich fand das Mädchen nett und bestellte es zu mir, um zu sehen, ob sie sich eignete resp. ihr Körper. Sie war sehr nett, gut gebaut, nur sehr elend und traurig.“ Auch Fränzi Fehrmann war ein Lieblingsmodell. Die erst Zehnjährige wurde nicht nur von Kirchner im Atelier der Künstler an den Moritzburger Teichen gemalt, sondern auch von anderen der Truppe. „Fränzi mit Bogen und Akt“ oder im gestreiften Badetrikot zählt zu den faszinierendsten Erwerbungen.

Ideal eines Frauenkörpers

Sie verkörpert einen androgynen Frauentypus, der für die „Brücke“-Meister zum Schönheitsideal wurde. Zu bestaunen ist Fränzi auch als „Artistin –Marcella“ (1910), dem in die Irre führenden Titel zum Trotz. Mit ihr klingt die Auswahl von 121 Arbeiten aus. „Das gelbschwarze Trikot“ zeigt das verträumte Mädchen im Kontrast zu einigen marzipanfarbenen Nackedeis in der Moritzburger Landschaft. Noch ist das packende Gemälde eine Dauerleihgabe – mithin ein Desiderat wie von der Wunschliste für kommende Ankäufe.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9. Mi-Mo 11-17 Uhr. Bis 6. Oktober.