Performance-Festival

Es werden wieder Geschichten erzählt

Foreign Affairs: Das Festival ist jünger und cooler geworden, auch dank der moderaten Preisgestaltung

Wozu ist eigentlich dieser temporäre Balkon gut? Hässlich und klobig klebt er vor dem Haus der Berliner Festspiele, sieht aus wie ein Baugerüst und taugt mit seiner steilen Treppe in den Vorgarten und dem unpraktischen Gang ins Obergeschoss nur bedingt als zusätzlicher Eingangsbereich. Aber er wird genutzt: Nach den Vorstellungen stehen hier die Macher und die Gäste des Festivals Foreign Affairs lässig mit einem Bier in der Hand herum, kommen ins Gespräch, schauen raus, schauen runter. Praktisch ist das nicht, lässig schon.

In seinem zweiten Jahr, dem ersten unter Matthias von Hartz’ Leitung, kann das Performance-Festival für sich reklamieren, das coolste Angebot der Berliner Festspiele zu sein. Jung ist es geworden, sicher auch dank der niedrigen Preise, und auch, wenn auf der Bühne nicht immer alles funktioniert, so ist doch die Richtung klar: Nicht Kunst um der Kunst willen wird hier gezeigt, sondern Menschen, die Geschichten erzählen.

Am Prominentesten die von Kristin Worrall, die vor Jahren den Machern vom Nature Theater of Oklahoma am Telefon ihre tendenziell ereignisarme Mittelklasse-Lebensgeschichte aufdröselte. Daraus macht die New Yorker Truppe seit 2009 in geplanten 10 Episoden „Life and Times“: Die frühe Kindheit tanzen und singen die Performer als Musical, die ersten Schuljahre als rhythmische Sportgymnastik, vom ersten Kuss wird im Krimi-Setting erzählt.

Konzeptionell bleibt es bis zum jetzt erstmals gezeigten Teil 6 spannend, die Umsetzung allerdings wird schwächer: Wenn Singstimme und Musik vom Band kommen (wie bei Episode 4.5, wo dazu ein handgezeichneter Trickfilm läuft), fehlt die unbedingte Energie der Darsteller, die einen sonst so beeindruckt. Und wenn in Episode 6 (die noch im Probenstatus ist) die verlorenen Teile der Aufnahme durch die Nabelschau des eigenen Touralltags aufgefüllt und mit Selbstzitaten (aus ihrer älteren Produktion „No Dice“) gespickt werden, dann hat das wirklich schwache Momente. Die zum Auftakt gecasteten Berliner kommen wohl nur im parallel entstandenen Film vor.

Wie fulminant witzig die Truppe sein kann, die während des gesamten Festivals das Hebbeltheater besetzte, hatte sie gleich zu Beginn in „Romeo and Juliet“ bewiesen: Zwei Performer in historischen Kostümen erzählen mit übertriebener Mimik, was andere in Telefonaten mit dem Nature Theater von Shakespeares Drama erinnerten. Aus diesen oft haarsträubend komischen Nacherzählungen ergibt sich allmählich ein schillerndes Mosaik des Stückes – und am Ende wird die Balkonszene ohne Verzerrungen nachgereicht.

Das Theaterprogramm von Foreign Affairs blieb – neben viel Tanz mit Forsythe-Schwerpunkt und Konzerten – international. Die Spanierin Angélica Liddell erzählt in ihrem einstündigen Solo „Ich bin nicht schön“ von der Erniedrigung durch (pädophile) Männer, Faustin Linyekula aus der Demokratischen Republik Kongo in „Auf den Spuren von Dinozord“ von den Opfern, die die politische Situation des Landes fordert. Beide Abende berühren, obwohl das, was auf der Bühne geschieht, bei diesen starken Geschichten nicht immer mithalten kann. Schräg (und ziemlich wirr) die Science-Fiction-Kommune-Fantasie „Nueva Marinaleda“ mit Mitmachgarantie der Fundacíon Collado-van Hoestenberghe. Unbedingter Höhepunkt: Der Doppelabend „Striptease“ und „Feuerwehrmänner mit großen Schläuchen“ von Pere Faura. Intelligent nimmt der spanische Tänzer-Choreograf einen Strip auseinander, konfrontiert uns und sich mit den Blicken des Publikums, das er zwischendurch aufnimmt. Im zweiten Teil lässt er zu Pornogeräuschen und Vivaldi-Soundtrack die Hula-Hoop-Hüften kreisen. So beweist er sommerlich leicht und gewitzt, dass Erotik immer im Blick (und im Kopf) des Betrachters entsteht.