Konzerte

Großstadtmelancholie mit Sonne

Für Thees Uhlmann, einst Frontmann von Tomte, hat der Festivalsommer begonnen. Ein Treffen

Mit 15 Jahren will Thees Uhlmann nach Roskilde fahren. Auf der Insel Seeland in Dänemark findet seit 1971 einmal im Jahr ein Rockfestival statt. Seine Mutter verbietet ihm das damals. Sie versteht weder die Musik, noch den Ausdruck der Popkultur, noch wie wichtig das ihrem Sohn ist. In Hemmoor in Niedersachsen sind andere Dinge wichtig. Sie glaubt damals auch, dass Junkies sich Marihuana spritzen.

Roskilde war zu dieser Zeit etwas Besonderes. Die Festival-Kultur steht 1989 zumindest in Deutschland noch am Anfang. Bei Rock am Ring treten zwar schon U2, Joe Cocker, Marius Müller-Westernhagen und David Bowie auf, aber die Open-Airs sind weit davon entfernt im bürgerlichen Zentrum anzukommen. Heute campieren neben den Teenagern auch 50-Jährige, weil sie ein Wochenende lang Musik hören wollen und dazu abgepackte Schweinenacken auf den Grill schmeißen.

Das Bier nach dem Auftritt

24 Jahre nach seinem ersten Wunsch, ein Festival besuchen zu dürfen, sitzt Thees Uhlmann in Kreuzberg nur unweit seines eigenen Studios. Mit seiner Band Tomte erfand er den traurigsten Indierock Deutschlands. Seit 2011 tritt er solo auf. In knapp zwei Wochen spielt er sein bestimmt 100. Festival-Konzert auf dem Greenville nordöstlich von Berlin.

Es gibt ja so Bands, die hassen Festivals. Der Sänger von The National zum Beispiel, der geht nach einem Auftritt immer direkt in den Bus zum Schlafen, weil er das Gerede mit den anderen Musikern hinter der Bühne nicht aushält. Rammstein kommen mit einer Polizeieskorte, um nur für die Dauer des Konzerts auf dem Gelände bleiben zu müssen. Die Apfelschorle kommt, er raucht so gesunde Zigarette ohne Zusätze. Thees Uhlmann sagt: „Ich mag Festivals, zumindest als Künstler. Was gibt es Geileres, als nach seinem eigenen Konzert zum Auftritt von Casper rüberzugehen, ein bisschen ins Mikro shouten, und danach mit den Jungs ein Bier trinken?“

In der Regel verlaufen Festivals auch genau so. 2006 spielen Tomte gerade auf dem Southside in Baden Württemberg. Mehr als 40.000 Zuschauer sind aus der ganzen Republik angereist. Fettes Brot sind gerade durch. Thees Uhlmann geht mit seiner Band Tomte auf die Bühne. Er spielt gerade den dritten Song, als er das erste komplette Zelt über den Campingplatz fliegen sieht. Ein aufgebautes Viermann-Zelt samt Inhalt wird von den unendlichen Kräften eines Sturmes in die Luft gehoben. Die Bühnenabdeckung flatterte davon, die hundert Kilo schweren Lautsprechertürme werden vom Wind erfasst. Der Bassverstärker rollt über die Bühne. Thees Uhlmann rettet noch seine Gitarre, bevor ein Unwetter zur Evakuierung des Geländes führt. „Ich war in diesem Moment absolut klar und fokussiert und habe einfach nur funktioniert.“

Das Gelände wird geschlossen. Die Besucherströme laufen gegen den Sturm an. Und aus Angst, um sich nicht zu verlieren, fassen sich Tausende von Menschen aneinander und beginnen mit Müll, mit abgebrochenen Zeltstangen zu trommeln. Ein einziges großes, perkussives Geräusch entsteht.

Während in der Schlesischen Straße ein paar Tropfen am Nachmittag herunterkommen, die Bedienung die Markise ausfährt, erinnert sich der Uhlmann an diese unvorstellbaren Momente. Ein Sturm der Zelte fliegen lässt, ist auch ein Sturm, der vor Menschen keinen Halt macht. Das war der Augenblick, in dem er verstanden hat, welche existenziellen Funktionen und Mechanismen Musik bedienen kann. „Die wollten nicht randalieren oder irgendwas kaputt machen mit ihren Stangen. Das Klopfen und Trommeln hat eine Trance, wie bei Urvölkern ausgelöst. Die haben sich einen eigenen Schutzraum geschaffen.“

Zweites Soloalbum erscheint

Thees Uhlmann ist inzwischen Vater. Seine Tochter Lisa ist sechs Jahre alt. Sie war noch nie auf einem Festival. „Ich will sie langsam ranführen. Vielleicht ist das Greenville eine gute Gelegenheit dafür. Ist ja nicht weit von hier.“ Wie das für Lisa wohl aussehen mag? Zehntausend junge Menschen hören dann die Songs ihres Papas. „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf.“ Vier mal hintereinander. Uhlmann singt von Aalen, von Möwen und Löwen, von Schutt und Asche und dann kommt wieder dieser sperrige Refrain mit den Fischen. „Ich hätte nie gedacht, dass sich überhaupt einer den Text dazu merken kann. Aber es ist wirklich großartig, wenn eine Menschenmenge den eigenen, eigentlich unsingbaren Refrain singt.“

Und obwohl Uhlmann, ohne selbst zu spielen, nie dort hinfahren würde, den Wu-Tang-Clan sollte man sich schon anschauen, findet er. Nick Cave natürlich sowieso. Mit Tocotronic, die am Sonntag spielen, ist er mal auf Tour gegangen. Er war Roadie, das heißt, er hat Gitarrenverstärker rumgeschleppt, Instrumente verkabelt und dem Bassisten Labello auf sein Instrument geschmiert, damit der Arm von Jan Müller vom Spielen nicht so wund wird.

Bald wird auch Thees Uhlmann wieder auf große Fahrt gehen. Sein zweites Solo-Album erscheint im August. Er probt schon mit der Band. Mit seiner Keyboarderin, die erst 22 Jahre alt ist, mit seinem Produzenten Tobias Kuhn, der auch bei ihm Gitarre spielt, und mit seinen anderen Freunden, die auch seine Band sind. Julia, so heißt die Keyboarderin, tut seiner Band richtig gut. „Ich bin vor Auftritten immer wahnsinnig nervös, muss mich richtig vorbereiten. Aber Julia ist so verdammt cool. Ich wollte mal wissen, wie sie das macht und dann hat sie gesagt: ,Ich spiel’ doch nur ein bisschen bisschen Keyboard.’“

Er muss wieder zurück an seinen Arbeitsplatz am Heckmannufer. Die Spree fließt unter der Brücke zwischen Kreuzberg und Treptow vorbei. Am 26. Juli wird er auf der Bühne stehen. Draußen in Paaren im Glien. Und eine Stunde lang wird er Popmusik durch seine Zahnlücke pfeifen. Tausende werden das Lied vom Sommer in der Stadt singen und den Song für das Mädchen von Kasse 2 und vielleicht steht auch Lisa irgendwo am Bühnenrand. Mit großen Kopfhörern. Und sie singt die unsingbarste Zeile der Welt „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“.