Krimi

Auf der Flucht mit Boot und Traktor, beides geklaut

„Amerikaner. Jude. Zweiundachtzig. Witwer in Rente. Ein ehemaliger Marine. Ein Uhrenreparateur. Ich brauche eine Stunde, um zu pinkeln.“ Donnys eigene Worte in Derek B. Millers bewunderungswürdigem Debütroman „Ein seltsamer Ort zum Sterben“. Zum Alien gemacht hat Sheldon „Donny“ Horowitz, diesen grumpy old man, das Leben, dieses Leben, das mit ihm noch nicht fertig ist, mit dem er noch nicht fertig ist, genauso wenig wie mit Gott.

Derek B. Millers Debüt ist als Kriminalroman nur unzureichend bezeichnet. Es wird eine Frau erwürgt, stimmt schon, ein Kind wird bedroht, ein alter amerikanischer Jude gejagt, es fließt zum Ende hin geradezu ausufernd Blut. Aber eigentlich ist „Ein seltsamer Ort zum Sterben“ ein seltsamer Roman über alles. Alle, die Donny liebte, beinahe alle, hat er überlebt. Paul soll leben. Und wie Huckleberry Finn und der Sklave Jim, wie die Flussratten, machen sich die beiden auf gen Norden, zu Rheas Sommerhaus, in die Freiheit. Auf einem geklauten Boot, einem geklauten gelben Traktor, per Anhalter. Mit der norwegischen Polizei sowie einem halbes Dutzend skurriler Exil-Kosovaren auf den Fersen.

Derek B. Miller, gebürtiger Bostonier, Sicherheitsexperte im Dienst der Uno, Kosmopolit, seit Jahren selbst als Alien in Norwegen lebend, streift von Station zu Station dieses literarischen Verfolgungsrennens wild durch Donnys Leben. Alte (und längst tote) Kumpel von damals mischen sich ein Donnys Denken. Die Schuldfrage wird gestellt. Die Wahrheitsfrage auch – was war Donny eigentlich in Korea, Bürohengst oder Scharfschütze. Von Kriegen und Traumata, von männlicher Gewalt und ihren Folgen wird erzählt. Ein Grundkurs in jüdischem Denken findet statt. Die Dialoge sind zum Wegwerfen komisch.

Derek B. Miller: Ein seltsamer Ort zum Sterben. A. d. Engl. v. Olaf Roth. Rowohlt, Reinbek. 416 Seiten, 14,99 Euro