Briefe

„Na schön, so bin ich eben Kriegsverbrecher“

Gestorben in den alten Stiefeln: Erstmals erscheinen Heinrich Georges Briefe aus der Lagerhaft

Am Ende ist die Hälfte vom großen George weg. Weggehungert in den „Speziallagern“ 3 und 7, wo Ruhr, Tuberkulose und Typhus wüten, wo es kein Entkommen gibt, wo man ein Exempel statuiert an einem, der als der größte Menschendarsteller des moralisch verrotteten Regimes gegolten hatte. Am Ende stirbt Heinrich George entkräftet an einer Bronchopneumonie. Er stirbt in Sachsenhausen einen kleinen, unbeachteten Tod, der in größtem denkbarem Gegensatz zu dem steht, was er mal gewesen zu sein geglaubt hat.

Heinrich George war der einzige Zauberlehrling des NS-Regimes, der für seine künstlerische Nibelungentreue mit dem Leben bezahlte. Sein „Jud Süß“- und „Kolberg“-Regisseur Veit Harlan starb in den Sechzigerjahren auf Capri, Hitlers Phidias Arno Breker mit biblischen 90 in Düsseldorf, Leni Riefenstahl mit sagenhaften 101 am Starnberger See. Kein Wunder, dass die Familie George bis heute mit der Ungerechtigkeit der Geschichte hadert. Ganz abgesehen von dem Trauma, das der Verlust bewirkte. Die beiden Söhne Jan und Götz wollen ja bis heute nicht wahrhaben, dass der Vater dem Dritten Reich bis zum bitteren Ende gedient hat. Dabei war es George, der noch am 31. Dezember 1944 – umrahmt von Glockengeläut und Badenweilermarsch – im Rundfunk Clausewitz’ „Erstes Bekenntnis“ vortrug. Der von einer Verteidigung „mit dem letzten Blutstropfen“ dröhnte und davon, dass man sich glücklich fühlen müsse, „in dem herrlichen Kampf um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden“.

Wie Heinrich George selbst über sich und seine Zeit gedacht hat, nachdem ihn der sowjetische Geheimdienst NKWD erst in Berlin-Hohenschönhausen und dann im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen einsperrte, kann man nun dem Briefwechsel mit seiner Frau Berta Drews entnehmen, den der Verlag Langen Müller der Neuauflage des Drews-Buchs „Mein Mann Heinrich George“ angehängt hat. Er beginnt im Juli 1945 und endet im Februar 1946.

Anfangs hält George die „Umschulung“ durch die Sowjets für eine Art Spuk, der schnell vorbei sein wird. Er arbeitet in einer Werkstatt, die für den Fuhrpark der Roten Armee zuständig ist, und Berta Drews kann ihm Care-Pakete bringen. Er gibt erste Rezitationsvorstellungen und fängt an zu inszenieren. Am 7. November, dem russischen Nationalfeiertag der Oktoberrevolution, bringt er in Hohenschönhausen den „Untergang der Waräger“ auf die Bühne. Er verhält sich, wie er sich im Dritten Reich verhalten hat. Wie hatte er bei seiner Vernehmung durch die Sowjets gesagt? „Ich hatte die Wahl, entweder auf meine Karriere zu verzichten und ins Gefängnis zu kommen oder mich irgendwie mit dem faschistischen Regime zu arrangieren.“

Für die Nazis hat er „Kolberg“ gemacht, für die Sowjets macht er die „Waräger“ und trägt dazu die alten Stiefel aus dem „Kolberg“-Film. Atemberaubend ist dieser Pragmatismus in der Rückschau, den man auch Opportunismus nennen könnte. Zumal, wenn man weiß, dass sich Heinrich George vor Hitlers Machtergreifung „als radikalster Kommunist aufspielte“ (Carl Zuckmayer). Und von Schuld oder gar Sühne findet sich nichts in diesen Briefen. Auf den Trotz – „Na schön, so bin ich eben Kriegsverbrecher und werde mit allen in einen Topf geschmissen“ – folgt keine Einsicht. Wenn der Briefwechsel abreißt, ist von Läuterung nichts zu spüren. „Ich habe meine Bewährung“, schreibt George im letzten Brief, „mit neun Monaten, glaube ich, hinter mir. Es waren nicht die leichtesten in meinem Leben, und ich habe es mir nie leicht gemacht.“

Er wusste nicht, dass die schweren Monate noch kommen sollten. Die Verlegung ins gefürchtete Lager Sachsenhausen, der Hunger, die Gewalt, der Tod. Heinrich George starb am 25. September 1946, während andere schon wieder auf ihre Füße fielen.

Berta Drews: Mein Mann Heinrich George. Langen Müller, München. 286 S., 19,99 €.