Familiengeschichte

Der Stachel ist die Liebe

Entzifferung einer fremden Schrift: Der Berliner Autor Peter Schneider staunt über seine Mutter

Diese Geschichte stammt aus einem Schuhkarton. Einem Schuhkarton, der das Leben des Schriftstellers Peter Schneider begleitete, seit er ihn von seinem Vater geerbt hatte. Den er vermisste, wenn er ihn nicht finden konnte, den er aber wie eine Büchse der Pandora nie öffnete. Er enthielt Briefe. Und die Pandora, deren einzige Hinterlassenschaft diese Briefe waren, war Schneiders Mutter. Mit 41 gestorben, ausgebrannt, entkräftet, als der Krieg kaum vorbei und Schneider acht Jahre alt war.

Peter Schneider, einer der wenigen Großschriftsteller, die die Achtundsechziger hervorgebracht haben, hat sie nicht gelesen, die Briefe. Weil er sie nicht lesen konnte; die Mutter hatte sie in Sütterlin geschrieben. Und weil er sie nicht lesen wollte. Was hätten sie schon enthalten, erklären sollen? Ein Achtundsechziger glaubt nicht an Kindheitsmuster, nicht an Prägung. Glaubt an das „Don’t Look Back“ Bob Dylans, an die Selbstbestimmtheit des Menschen, an die notwendige Befreiung von allen Beziehungen, die man nicht selbst gewählt hat, an die Möglichkeit einer sozusagen familienunabhängigen Selbstfindung.

Eine Freundin half beim Lesen

Erst als Schneiders eigene Familie nach dreißig Jahren zerbrochen war, begann er die Hinterlassenschaft der Mutter zu lesen, um vielleicht doch ein Muster zu finden, das sein eigenes Scheitern erklärte. Er versuchte herauszufinden, „was da in uns liebt und hasst, bevor es den intellektuellen Apparat erreicht“. Eine Freundin entzifferte die Briefe. Schneider geriet bald in den Bann ihres Tons, in den Bann dieser Frau, die seine Mutter war und die Schneider so gar nicht kannte. Ein Familientier, das mit vier Kindern durch den Bombenteppich des Kriegsendes von Königsberg ins bayerische Grainau floh. Eine unbedingte Liebende vor allem, die offen Liebhaber hatte neben ihrem geliebten Mann. Eine große Schreibende, der Schreiben zum Überlebensmittel wurde.

Ein großer Stoff. Die geradezu ideale Vorlage für die Erfindung der Geschichte einer großen, an der Zeit, an den gesellschaftlichen, den familiären Umständen und vor allem an dem übergroßen Anspruch an die Liebe zerstörten Liebenden, einer späten Nachfahrin der Madame Bovary. „Die Lieben meiner Mutter“, das Buch, das Peter Schneider jetzt geschrieben hat, liefert den Rohstoff dazu. Aus seinen ersten autobiografischen, literarischen Schreibversuchen, aus der Erzählung der Liebes- und Lebensgeschichte seiner Mutter, aus Briefzitaten, aus seiner eigenen Recherchegeschichte und seiner Selbst- und Familienbefragung macht Schneider einen grandiosen Wechselbalg, der ohne Gattungsbegriff auskommen muss.

Ein Buch des Staunens, der Kreuz- und Querbegegnungen. Schneider macht eine Familienaufstellung der letzten Jahre seiner Mutter und begegnet sich dabei selbst als Achtjährigem – in Texten, denen man anmerkt, dass sie Zweitverwertungen seiner ersten autobiografischen Erzählung sind. Das Kind gerät in den Bann eines Dämons, eines Fünfzehnjährigen, der ihn von sich abhängig macht, der ihn sich abrichtet, der verantwortlich dafür ist, dass die letzte Begegnung mit der Mutter, bevor sie in einer Klinik verlosch, katastrophisch in einer Prügelorgie endete, ohne Abschied, ohne letztes Wort. Eine der Wunden, die dieses Buch schließen sollte.

Mit einer Mischung aus Verblüffung, Staunen und Verwunderung steht der nun Siebzigjährige vor der Vierzigjährigen, die er gerade erst kennengelernt hat, der er gerecht werden will und die sich ihm in ihren Briefen an Heinrich, ihren Mann – Komponist und Dirigent, meist fern von ihr – , und an ihren im Buch Andreas genannten Geliebten, so schonungslos offenbart. Die Offenheit dieser Dreiecksbeziehung (und diverser andere Nebendreiecksbeziehungen) verblüfft, auch, weil seine Mutter schon etwas gelebt hatte, das Schneiders Generation doch erfunden zu haben glaubte.

Stark und depressiv

Immer wieder steht er staunend vor der Lebensleistung dieser Frau. Einer – so heißt es – strahlenden Frau, deren Strahlen auf keinem Foto zu sehen ist. Die depressiv war, die mit ihren ungelebten Leben und Lieben haderte, und die doch unglaublich stark war. Die ihre Kinder und sich selbst mit einer stupenden Sicherheit heil durch den Bombenhagel bringt. Die mit unfassbarer Lakonie von den Gräueln berichtet, die sie sieht. Die ihr Herz und ihre Seele unempfindlich gegen all das Elend am Wegesrand gemacht hat. „Fast taub, mit vorsätzlicher Unempfindlichkeit geht sie mit ihren Kindern vorbei an den Trümmern und Bombenkratern, vorbei an den Lastwagen mit verbrannten und verwesenden Leichen, vorbei an den Toten und den Schwerverletzten. Der Stachel, den sie im Herzen trägt, der an ihrem Lebenswillen zehrt und sie fast umbringt, hat nichts mit dem Krieg zu tun.“

Der Stachel ist die Liebe, der Glaube an die Möglichkeit einer unbedingten Liebe. Ein Glaube, in den sie sich flüchtet, aus dem sie fast eine Religion macht, in der sie – als Vorbild für den Feminismus taugt sie kein Stück – aber nur Dienerin ist, Dienerin der Männer, die sie mit ihrer Liebe größer machen will. Es herrscht ein hoher Ton in den Briefen.

Immer wieder muss Schneider auf dem Weg durch seine Selbstfindungsgeschichte in sein eigenes Dünkelbrötchen beißen. Dass sein Vater in der Wolfsschanze musizierte und seine Mutter auf der Flucht nach Bayern ausgerechnet bei Winifred Wagner im Bayreuther Festspielhaus Asyl fand, bei der Obernazisse im Heiligtum Hitlers, macht ihm zu schaffen. Man merkt, wie er sich winden muss, wie er mit sich und seiner Familie lieber doch nichts zu tun haben will.

Es herrscht mittlerweile ein geradezu beängstigender Friede zwischen den Generationen in der deutschen Literatur. Vater-, respektive Muttermord war gestern. Kinder – Arno Geiger zum Beispiel oder Aris Fioretos – umkreisen ihre Eltern, nähern sich ihnen an, machen ihren Frieden mit ihnen, bleiben ihnen staunend und respektvoll fremd. In diesem seltsam widerspenstigen Buch sind all diese literarischen Umarmungsbewegungen aufgehoben.

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter, Kiepenheuer & Witsch, Köln. 304 Seiten, 19,99 Euro