Kleinkunst

Vor den Außensitzen wird gewarnt

Mayumana aus Israel in der Komischen Oper: Eine turbulente Show, die das Publikum nicht ausspart

Wow! Da kommt man aus dem Staunen kaum heraus. Möchte sich körperlich abreagieren. Hinterher am liebsten gleich nach Hause joggen. Oder man ist einfach nur fix und fertig. Von anderthalb Stunden schweißtreibendem Hochgeschwindigkeits-Entertainment. Von Talent-Explosionen im Fünf-Sekunden-Takt. Eine zehnköpfige Artistentruppe erobert die Komische Oper im Nu. Mayumana („Fähigkeiten“) heißt sie, in Israel gegründet, schweißt sie Mehrfachbegabungen aus aller Welt zusammen. Tänzer, Akrobaten, Schauspieler, Stimmenwunder, Schlagzeuger, Musiker, Technik-Nerds. Sie haben ihr gemeinsames neues Projekt erstmalig nach Berlin mitgebracht: „Momentum“, eine Show rund um das Thema Zeit.

Ihr inoffizieller Anführer: der Israeli Ido Kagan. Zu Beginn schickt er dem Publikum via Internet Kurznachrichten auf Großleinwand, postet bei Facebook, treibt Späßchen, heizt die Stimmung an. Er animiert die Zuschauer zu Geräuschen und Grimassen, hält Stabmikrofon und High-Tech-Kamera ins Parkett. Sammelt Bild- und Tonmaterial, um es dann später in die Show einzubauen. Doch er kann noch viel mehr. Als Power-Drummer elektrisiert er Tänzer und Publikum, als Beat-Boxer sorgt er für Ohrenschlackern.

Das Publikum darf auch mal ran. Man sieht Gesichter vom Rand des rechten Parketts in Großaufnahme. Manche ängstlich, manche peinlich berührt. Wieder andere zischeln recht ordentliche Beats ins Mikro. „Was hab ich für ein Schwein, dass ich nicht außen sitze“, ruft ein Zuschauer erleichtert. Im Rampenlicht stehen, ist halt nicht jedermanns Sache. Besonders hart trifft es ein Mauerblümchen. Der belgische Akrobat Tim Vranken, Komiker der Mayumana-Familie, hat sich ganz auf die junge Dame eingeschossen. Erklärt sie zu seiner Traumfrau, bestürmt sie mit Liebesschwüren. Bis sie sich endlich auf die Bühne ziehen lässt.

Alles vorher abgesprochen? Sieht nicht so aus. Funktioniert aber trotzdem wunderbar. Denn genau das ist es, was die Show braucht, um mehr zu sein als eine perfekt getimte, durchgestylte, durchchoreographierte Hochleistungsmaschine. Das Spontane, Improvisierte dringt ein, sorgt für pochende Herzen, für anhaltende Spannung. Das Publikum ist ein enger Verbündeter bei diesem wilden Mix aus Tanz und Akrobatik, aus Zeitlupeneffekten, aus spektakulären Schnitten, wirbelnden Drum-Sessions, aus Rockmusik, Reggae, Soul.

Beeindruckend, wie die Truppe aus dem Stegreif mehrspurige Popsongs hervorzaubert, mal mit bloßem Mund, mal mit Instrumenten. Wie sie aus dem Moment heraus surreale Videocollagen produziert, immer auch Zuschauerreaktionen einbezieht. Bühnenbild, Boden und Requisiten sind mit teuren, hochempfindlichen Effektgeräten vernetzt. Jede Bewegung, jeder Schritt, jeder Wirbel der Tänzer überträgt sich in den Saal.

Garniert wird die Show mit weisen Sprüchen von Leonard Bernstein und Buddha, gerahmt das Ganze – man höre, schaue und staune – von der Simulation der Zeit aus der Perspektive einer Fliege. Und noch so manch andere Überraschung hält der Abend parat. Wär hätte beispielsweise gedacht, dass sich kollektives Fingerschnipsen genauso anhört wie dichter Regen? „Zeit ist relativ“, so lässt sich der Abend überschreiben. Zugegeben: Das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Neu ist allerdings, wie rekordverdächtig schnell 90 Minuten vorbeijagen können. Noch bis 21. Juli gastiert das Mayumana-Team an der Komischen Oper. Noch gibt es Karten. Doch vermutlich nicht mehr lange.

Komische Oper Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel: 20 26 04 04. Di-Fr 20 Uhr, Sa 15 + 20 Uhr, So 14 Uhr. Bis 21. Juli