Interview

„Heute würde ich Rennfahrer werden“

Alt-Star Peter Kraus über sein Kino-Comeback und wie man den Rock ‘n‘ Roll im Blut behält

Eigentlich ist „Systemfehler – Wenn Inge tanzt“, der heute in die Kinos kommt, ein Teeniefilm über eine Punk-Band. Aber dort überrascht Peter Kraus mit einem Gastauftritt als abgehalfterter Schlagerstar Herb. Nach langer Leinwandabstinenz gibt der 74-Jährige hier – nicht frei von Selbstironie mit wasserstoffblonder Haarpracht und lila Cord-Jackett– eine Art Comeback. Kraus, der Alt-Rocker, gibt in der schrillen Komödie der Jugend Karrieretipps. Und singt dazu auch noch „Rosen auf Hawaii“. Das Lied hat er extra für den Film geschrieben, eine nicht ganz ernst gemeinte Schnulze, mit der er sich und seine Schlagerkollegen aufs Korn nimmt. Anna Wollner hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Ihr letzter Kinoauftritt liegt eine Weile zurück. Wie war es, mal wieder vor einer Kamera zu stehen?

Peter Kraus:

Lustig. Weil die Rolle gut war.

Was hat Ihnen an Onkel Herb gefallen?

Die Rolle ist genau das Gegenteil von Peter Kraus. In Deutschland kommen Produzenten immer auf die Idee, einen Schlagersänger branchenintern zu besetzen. Roland Kaiser zum Beispiel, der im „Tatort“ dann als Robert Koch auftaucht. Zum Totlachen. Sobald ein Angebot für Film oder Fernsehen kommt, frage ich direkt nach: „Schlagersänger?“ Auf der anderen Seite der Leitung ist es dann erst mal still, dann kommt die Nachfrage, woher ich das wisse. Ganz einfach – ich bekomme nichts anderes angeboten.

Und warum haben Sie hier dann zugesagt?

Weil es nicht einfach nur ein Schlagersänger war, sondern eine Figur mit Charakter. Ich habe mittlerweile über 50 Jahre lang deutsche Schlagersänger und ihre Macken beobachten dürfen. Endlich konnte ich diese Beobachtungen mal in eine Rolle einfließen lassen. Meine einzige Bedingung war, dass ich eine Perücke tragen durfte. Für mich war so die Unterscheidung zwischen Peter Kraus und meiner Rolle wesentlich einfacher.

Wie viel Peter Kraus steckt in Herb?

Vielleicht eine gewisse Schlaksigkeit. Aber auch nicht zu viel. Es tat gut mit den ganzen Klischees, die es über unsere Branche gibt, einmal bewusst spielen zu können.

Immerhin singen Sie hier „Rosen aus Hawaii“. Kam der Song von Ihnen?

Ich habe mitgearbeitet. Eine sehr prägnante, sehr schnulzige Textzeile stammt aus meiner Feder. Als Peter Kraus würde ich das Lied allerdings anders singen. Schnulzen sind immer ein heikles Thema, eigentlich eine Persiflage. Die Leute kriegen es nicht mit und finden es genau deshalb schön. Eine echte Gratwanderung zwischen Übertreibung, Albernheit und dem Versuch, das Publikum nicht zu beleidigen.

Hatten Sie in Ihrer Karriere je die Angst, in die Schnulzigkeit abzurutschen?

Nicht nur die Angst. Ich habe viel mit Ralph Siegel produziert und er bestand darauf, dass es so gesungen wird, wie er es sich vorstellt. Wir hatten damit Erfolg. Ich habe nichts gegen Schlager, aber es ist einfach nicht das, was ich am liebsten singe.

Im Film geht es um eine Punkband. Wie wäre es mit einem Kraus-Punk-Album?

Punkmusik ist in meinen Augen die primitivste, einfachste musikalischste Ausdrucksform. Gleichzeitig aber auch wahnsinnig schwierig, man kann nicht phrasieren, nur rausbrüllen. Mehr nicht. Für einen Musiker wie mich, der seit über 50 Jahren Musik macht, wäre Punk immer ein Schritt rückwärts.

Erinnern Sie sich an den einen Moment in Ihrem Leben, in dem ihre musikalische Karriere los ging?

Ich war ja eigentlich Schauspieler, habe in „Das fliegende Klassenzimmer“ gespielt, dann zwei, drei Filme mit Heinz Rühmann. In München gab es einen großen Aufschrei, für die Jugend werde nichts. Dann wurde ein „Jazzkonzert für die Jugend“ veranstaltet. Es spielten Max Greger und Hugo Strasser, ich habe aus reinem Jux mitgemacht und den Moderator gebeten, er möge meinen Namen nicht nennen, mich lediglich als jungen Münchner ankündigen. Ich wollte abwarten, ob mein Auftritt ankommt. Am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Er kam, sah und siegte. Auch Deutschland hat einen eigenen Elvis“.

Sie sind seit über 50 Jahren auf der Bühne. Wie behält man den Rock ‘n’ Roll im Blut?

Ich habe keine Ahnung. Wenn ich auf der Bühne stehe, verspreche ich meinem Publikum immer, dass sie sich um 20 Jahre jünger fühlen werden. Das ist keine Floskel. Mir geht es ja selbst so. Ich bin zwar erschöpft, habe großen Bierdurst, aber ich fühle mich einfach jünger.

Was passiert mit Ihnen auf der Bühne?

Vielleicht sind es die Gedanken im Hinterkopf, die aufkommen, wenn man erlebt hat, dass man der Erste war, der so eine Musik nach Deutschland importiert hat. Die Leute waren damals auf der einen Seite begeistert und auf der anderen Seite schockiert. Die Nation war gespalten. Ich selbst habe damit gerechnet, mir Alternativen überlegt: Karrieren als Schauspieler oder Musicalsänger. Dann stehe ich mit 74 auf der Bühne, singe einen Song von damals und die Leute flippen noch immer aus. Das ist irre. Nicht, dass ich noch immer auf die Bühne gelassen werde, sondern, dass die Reaktion auf etwas Totgesagtes nach so langer Zeit noch immer so intensiv ist.

Was würden Sie jungen Leuten raten, die Rockstar werden wollen?

Abraten.

Warum?

Rockstar-Sein war damals eine tolle Geschichte. Heute würde ich Fußballer, Tennisspieler oder Rennfahrer werden. Das ist doch alles viel interessanter.