Haushalt

„Die Politik lässt die Kultur hängen“

Die Freie Szene ist unzufrieden mit dem Senat. Ihr Sprecher Christophe Knoch erklärt, warum

Ochsentour. Das Wort kommt einem in den Sinn, wenn Christophe Knoch von den Politikergesprächen erzählt, die er und seine Mitstreiter von der Koalition der Freien Szene jetzt führen, wenige Wochen vor der Verabschiedung des Berliner Doppelhaushalts 2014/15. Rund ein Viertel der 85 Abgeordneten aus der Regierungskoalition haben sie bereits besucht. Ihr Anliegen: Im Allgemein werben sie für die Belange der nicht-institutionalisierten Kunstszene. Im Besonderen wollen sie mehr Geld. Vor allem aus den Einnahmen der bevorstehenden City Tax. Im nächsten Jahr soll sie kommen, und dass die Künstler einen guten Teil davon bekommen würden, schien abgemacht. Doch Kulturstaatssekretär André Schmitz macht einen überraschenden zurückhaltenden Eindruck, wenn es um die Verteilung der City Tax geht, so auch zuletzt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Diese neue Unverbindlichkeit des Kulturstaatssekretärs hat Knoch alarmiert. Seit 2010 ist der Jurist in der Stadt, arbeitete zuvor in den Opernhäusern in Düsseldorf, Bielefeld und Brüssel, in Berlin erschuf er das Mica Moca Project, bei dem ein halbes Jahr lang Hunderte von Künstlern Installationen und Performances, Jazz, Tanz und Theater auf einem riesigen Areal in Wedding zeigten. Er kennt sich also gut aus mit der Freien Szene, er ist der Sprecher seit vergangenem Jahr.

Bedroht vom Etatstillstand

Um die 40.000 Künstler vertritt die Berliner Koalition der Freien Szene – Bildhauer, Tänzer, Regisseure, Architekten, Musiker, die nicht bei einer Institution wie einem Theater oder Orchester fest angestellt sind. Ihre Situation erklärt Koalitionssprecher Knoch im charmant heruntergerockten Wohnzimmercafé des Ballhaus Ost, geduldig und zum wiederholten Male: Die Fördergelder des Senats für freie Kunst stagnieren auch in dieser Haushaltsrunde wieder. Seit einem Jahrzehnt sind die Etats für Projekte, freie Gruppen und Spielstätten in Berlin real nicht mehr gestiegen. Die Lebenshaltungskosten hingegen sind explodiert, das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Kunstproduktion hat sich für die meisten Künstler umgekehrt.

Aus Sicht der Akteure der Freien Szene bedroht der Etatstillstand die Kunstlandschaft Berlin: „Wenn man Kultur an den Abgrund von Dilettantentum und Amateurhaftigkeit bringen möchte, kann man das politisch genauso weiter betreiben wie jetzt, weil es sich langsam dorthin entwickeln wird”, sagt der Kulturmanager mit einer guten Portion Zynismus. Die Politik, so klingt bei Knoch an, lasse die Freie Szene hängen. Kulturstaatssekretär André Schmitz verkauft die Nullrunde als Erfolg. „Wenn sich Berlin mit einer anderen deutschen Kommune vergleicht”, entgegnet Knoch, „dann ist das vielleicht die Traufhöhe der hiesigen Politiker – aber das ist zu wenig. Berlin ist ein Weltprojekt“.

Knoch und seine Mitstreiter sind von der Politik ziemlich enttäuscht: „Wir haben niemanden hier, der für Kultur kämpft. Der Kulturstaatssekretär ist ein weisungsgebundener Beamter, er kann nicht vor seinen Kultursenator treten und sagen: Du musst mir mehr Geld geben.” Der Kultursenator, das ist seit 2006 Klaus Wowereit, in Personalunion Regierender Bürgermeister. Ihn bezeichnet Knoch als „Totalausfall“: „Wir arbeiten seit mehr als einem Jahr und haben vom Kultursenator bislang kein Wort gehört, keine Stellungnahme – nichts.”

Die Distanz zu den Sozialdemokraten mag zu einem daherkommen, dass sie von jeher mehr ein Herz für Großprojekte haben, sei es früher die Kunsthalle oder heute die Landesbibliothek. Zum anderen scheint ihnen die Freie Szene per se suspekt. Wie kommen die hier eigentlich dazu, Geld zu fordern? Künstler kann sich ja jeder nennen und eine demokratische Partei wird sich davor hüten zu definieren, was Kunst ist. Geht es hier also um eine Alimentierung von Künstlern, die von ihrer Kunst nicht leben können? Einen Mindestlohn für alle, die sagen, sie seien Künstler, werde nicht gefordert, so Knoch, aber wenn, zum Beispiel auf Basis einer Juryentscheidung, gefördert wird, müsse ein Leben davon möglich sein.

Ein bisschen gewunden ist Knochs Argumentation immer dann, wenn er versucht, die wirtschaftlichen Vorteile der Freien Szene nachzuweisen. Die gesamtwirtschaftlichen Vorteile herauszuarbeiten ist natürlich gerade dort wenig angesagt, wo die Verwertungsinteressen des Kapitals prinzipiell schwer kritisch gesehen werden. Anderseits will man natürlich auch etwas abbekommen vom großen Kuchen. Und weist daher die Freie Szene sich selbst als Standortvorteil aus.

Schließlich ist die Anziehungskraft Berlins nach wie vor enorm, Kreativwirtschaft und Tourismus boomen. Selbst der Tourismusverband Visit Berlin preist den Berliner Lifestyle, das Flair des Künstlerischen, als Markenkern der Metropole. „Wenn der ganze Unterbau an Freelancern und Impulsgebern fort ist, wird das hier sehr dürr werden”, glaubt Knoch. Die Szene lebe vom Diskurs, und der sei von nicht zu unterschätzender Bedeutung: „Kunst ist ein elementarer Bestandteil einer gesunden, vielfältigen, partikularen Gesellschaft. Da braucht es Verhandlungsräume – nicht nur die Tanker, sondern auch die ganzen kleinen Projekte.”

Die Freie Szene, das wird deutlich, agiert an vorderer Front der Auseinandersetzung, die um die Zukunft Berlins geführt wird. Dabei verkehren sich gelegentlich die Rollen: Die Kreativen, die eigentlich für Innovation und Wandel stehen, werden zu Bewahrern des Status Quo. Über welche Beträge hier verhandelt wird, erläutert Knoch am Beispiel Ballhaus Ost. Vom Senat mit jährlich 157.000 Euro gefördert, zahlt das Theater 120.000 Euro für die Miete. Falls Geld für die Produktion bleibt, so ist klar, dass keiner der Mitarbeiter von seiner Arbeit im Ballhaus leben kann.

Die Politik könnte hier aktiv werden und durch Verhandlungen mit dem Immobilienbesitzer die Mieten verringern. Beim Schokoladen in Mitte gelang das, weil das Land Anfang des Jahrs mit dem Eigner die Immobilie an der Ackerstraße gegen ein gleichwertiges landeseigenes Grundstück tauschte. Glückte solch ein Kompensationsgeschäft auch für das Ballhaus Ost, bliebe unterm Strich mehr Geld für die Kunst, so Knoch, auch wenn der Förderbetrag der gleiche bliebe.

Ab Ende August ist ein Kampagnenmonat angekündigt, und auch die Besuche bei den Abgeordneten werden fortgesetzt. „In der Verwaltung und auch beim Kultursenator ist die Lobby für uns nicht da. Die Lobby gibt es höchstens im Parlament”, so Knoch. „Das ist unsere einzige Möglichkeit.“ Die Ochsentour.