Classic Open Air

Und am Schluss tanzen die Damen barfuß

Die Söhne Mannheims und das Filmorchester Babelsberg begeistern beim Classic Open Air

Das letzte abwärts klingelnde Läuten des Gongs für dieses Jahr ertönt und die Musiker des Filmorchesters Babelsberg nehmen Platz. Sonnig ist es an diesem Montagabend um kurz vor halb acht. Einmal im Jahr, zum Classic Open Air, wird der Gendarmenmarkt zum mondänen Boulevard der Mitte. Nach zwei Diktaturen kann sich die ganze Welt im wiederaufgebauten Zentrum Berlins seit mehr als zwanzig Jahren an klassischen Klängen erfreuen.

Ganz in weiß kehrt der Dirigent Stefan Klieme den Zuschauern den Rücken zu. Die Söhne Mannheims und das Orchester beginnen in schmeichelndem Moll. „Volle Kraft voraus“ von ihrem Debüt: Der dreizehn Jahre alte Song gewinnt im neuen Gewand der Neuinterpretation eine theatralisch, eben orchestrale Facette.

Es ist schon erstaunlich, von welcher tiefen Gottesachtung die zwölf Söhne Mannheims da singen, rappen und soulen. Die leisen Klavierakkorde schmeicheln den Ohren der Besucher. „Jah is changing all“, singen sie, Gott wird alles verändern. Dreistimmig kreiseln die wohlig warmen Stimmen. Die Geigen flattern kindlich im Einklang mit ihnen. Und die Statuen auf den Dächern scheinen mit einzusetzen.

Wie jedes Jahr stehen und sitzen auf den Terrassen der angrenzenden Büro- und Wohnhäuser die Zaungäste. Anders als die Besucher laben sie sich flaschenweise an Musik und Schaumwein. Was ein Orchester doch ausmacht. Das Göttliche der Hörner, die kindlichen Flöten und die verspielten Geigen. Dazu ein tiefenentspannter Reggaebass und der marschierende Off-Beat der Gitarre, der in ein Joggen übergeht.

„Ganz schön ungewöhnlich, vor gesetztem Publikum zu spielen“, das amüsierte Pfeifen, die ebenso mit Ironie spielende Reaktion des Publikums strahlt der Ansage des bärtigen Sängers Henning Wehland entgegen. „Wir haben immer die Extreme gesucht“, schließt er. Applaus! Natürlich singen sie „Ich will zurück zu Dir“, und so schön es gerade auch ist, ein ganzes Jahr muss wieder vergehen, ehe Gerhard Kämpfe, der Direktor der Veranstaltung, stolzen Schrittes die neun Stufen zur Bühne überwindet und wieder den Anblick seines Engagements, seiner Leidenschaft genießen darf, der sich in den Tausenden von Gästen spiegelt, in ihrem Mitwippen, in ihrem Lachen. Gestärkt und deutlich angetan von der zweiten Hälfte, stehen die Besucher von ihren eng gestellten Sitzplätzen auf. Die Hüften jeglichen Alters, jeglicher Couleur und jeglichen Geschlechts kreisen und die Knie wippen dazu.

Die Berliner sind wach. „Wir sind auch wach“ sagt einer der Söhne, „Ihr müsst nur mitsingen. Ganz gechillt. Ganz easy.“ Und er macht ein „One Love. One Love“ vor. „Sexy“, fasst er zusammen und alsbald hüllt sich der ganze Platz in armwippende Liebe. Das Classsic Open Air wird zum soften Rap-Schmuser, der schaukelnd eine tiefe Zufriedenheit bei den Besuchern auslöst.

Die Hörner spielen auf zur Jagd und verstummen, wie die Stimmen wieder einsetzen. Unter den Vierteln der zusammenschlagenden Hände verabschieden sich die über vierzig Musiker. Es ist kurz nach zehn, als sie zur Zugabe anstimmen. Die roten Fliegen leuchten über den dunklen Anzügen. Damen tanzen barfuß zu den letzten Harmonien.