Kunstsache

Erkennt jeder, versteht jeder, mag jeder

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma erzählt mir, dass sie Stephan Balkenhol eigentlich mag, seit sie eine seiner Bojen in der Alster schwimmen sah. Das ist lange, lange her, der Künstler hatte im Wasser auf einem dieser Schwimmkörper eine seiner typischen Figuren postiert. Der arme Holzkerl schwankte derart realistisch in den dunklen Wellen auf und ab, dass irgendjemand die Wasserwacht rief, die zur Hilfe eilte. Was ja, Gott sei Dank, nicht nötig war. Mag sein, dass manches Sicherheitspersonal seither nicht gut zu sprechen ist auf Balkenhol.

Klar ist, dass Balkenhol, Jahrgang 1957 und Professor in Karlsruhe, einer der wichtigsten deutschen Bildhauer ist. Vielleicht, weil er sich treu geblieben ist über die Jahre hinweg, besser gesagt seinen oft (über)lebensgroßen Frauen und Männern, die er überall aufstellt in der Republik und anderswo.

Manchmal, wie in Hannover, ist es auch ein mächtiger Hirsch mit Männchen oder eine Giraffe, wie in Hamburg. Auf einer Mozartkugel tänzelt in Salzburgs Altstadt ein Mann in weißem Hemd, vor dem Berliner Springer Verlag balanciert, ebenfalls in weißem Hemd, ein mächtiger Typ auf Mauerresten. Und seit zwei Monaten hat sich Leipzig ein Denkmal Richard Wagners, des großen Sohnes, zugelegt. Bart und Rock auf Holz. Ein riesiger Schatten „wächst“ im Rücken der Skulptur. Der große, auch dunkle Mythos des Komponisten? Eine für Balkenhol eher ungewöhnlich eindeutige Symbolik. Auch dort, wo es politisch zugeht im öffentlichen Raum, wird Stefan Balkenhol gerne gerufen. Wie im Jahr 2010 beim Entwurf für das Einheitsdenkmal am Schlossplatz in Berlin. Balkenhol machte einen Kniefall und präsentierte Deutschland einen knieenden Mann.

Pappel oder Wawaholz ist Balkenhols liebstes Material, es ist weich, elastisch, biegsam und sehr leicht, beste Voraussetzung, um es zu bearbeiten. Manchmal, so heißt es, lässt der Künstler sich ganze Stämme aus Afrika in seine Ateliers liefern, auch in Berlin hat er ein Studio. Ohnehin arbeitet er meistens aus einem ganzen Block. Das Interessante an seinen Arbeiten ist die Haptik, man möchte sofort zupacken, das Holz berühren, weil es so porös ist, so archaisch von der Bearbeitung, Risse und Furchen sind erkennbar, halt die Spuren von Handarbeit, made in Germany.

Galerie Johnen zeigt nun unter anderen mit dem „Ringer“ und dem „Kleinen Frauenrelief“ eine Auswahl seiner neuesten Arbeiten, Überlebensgroßes ist freilich nicht dabei, das würde die Räume der Galerie sprengen. Dafür ein herrlich dunkel laviertes Landschaftsrelief, das von Weitem aussieht wie eine historische Fotografie. Als Zweiteiler entworfen, dazu gehört nämlich noch der „Mann mit roter Jacke“, der direkt vor dieser Kulisse steht. Bei 18.000 bis 80.000 Euro liegen die Preise der einzelnen Werke.

Ein Grund, warum viele Leute Balkenhol so mögen, ist dieses „Du zu Du“: seine Figuren versteht jeder, erkennt jeder, mit ihnen kann man sich identifizieren – egal, ob im froschgrünen Mäntelchen, im blauen Minirock oder mit Schlips auf weißem Hemd. Sie geben schlicht nichts vor, kein Gefühl, kein Pathos, keine Überhöhung fordert ein Mehr an Bedeutung ein.

Individualität? Psychologie? Nein danke, Balkenhols Figuren sind Generalvertreter des Homo sapiens. Haben wir die Lady im kleinen Grünen nicht schon mal auf einer Vernissage gesehen?

Keine Frage, da gibt’s auch Kritiker, die finden das schlicht langweilig, diese Wiederkehr der ewig gleichen Menschenfigur. Der Künstler sei auf dem Holzweg, sagen sie. Doch darauf pfeift der Menschenmacher.

Galerie Johnen, Marienstr. 10, Mitte. Tel. 27 58 30 30. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 1. September

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien