Musik

„Man liegt am Pool, die Musik muss dazu passen“

Die Pet Shop Boys über Disco, Respekt und ihre neue Platte „Electric“. Bald kommen die beiden Briten nach Berlin

Auf dem Dach, am Schwimmbecken, sitzen Neil Tennant und Chris Lowe, die Pet Shop Boys, und trinken Tee. Das Shoreditch House ist ein Privatclub im gentrifizierten Londoner Osten. Das erfolgreichste Popduo der Welt veröffentlicht am Freitag sein zwölftes Album. Es heißt, wie es klingt: „Electric“. Von der Dachterrasse aus sieht man die Stadt verfallen und sich neu erfinden und die Occupy-Graffiti an den Wänden. Das kennen die beiden auch aus Berlin, da halten sie sich oft auf und haben auch eine Wohnung. Am 6. September sind sie da, spielen auf dem Flughafen Tempelhof. Michael Pilz hat die beiden Musiker getroffen.

Berliner Morgenpost:

Vor zehn Monaten erschien „Elysium“, jetzt ist schon die nächste Platte fertig. Ist Zeit heute teurer als früher?

Neil Tennant:

Wir hatten jede Menge hübscher Aufnahmen übrig. „Electric“ ist die andere Seite von „Elysium“. Ein Tanzalbum, produziert von Stuart Price.

Stuart Price wurde berühmt, als er Madonna und Kylie Minogue wieder zur Discomusik bekehrt hat. Ist Disco eigentlich noch politisch?

Chris Lowe:

Was ist Disco überhaupt noch? Jedenfalls kein Politikum. Disco war an der Schnittstelle zwischen den Schwulen- und Bürgerrechtsbewegungen entstanden. Was sollte Disco heute noch sozial verändern wollen? Selbst die intelligenteste Tanzmusik ist völlig unpolitisch. Geschlechter spielen keine Rolle mehr. Man liegt am Pool herum, und die Musik muss dazu passen.Ich habe allerdings den Eindruck, dass gerade in Berlin versucht wird, die Gedanken an Gesellschaft und Geschlechter wieder aufzufrischen. An Orten wie dem „Berghain“. Da scheint es wieder um Freiheit, Toleranz und Respekt zu gehen. Vielleicht ist es einfach nur retro, vielleicht aber auch mehr. Ich weiß es nicht.

Wer soll es sonst wissen, wenn nicht Sie? Sie machen Tanzmusik mit Botschaften wie „Love Is A Bourgeois Construct“.

Tennant:

Das ist ein Zitat aus dem Roman „Nice Work“ von David Lodge aus den späten Achtzigern. Wurde viel und gern gelesen damals. Es geht um die Liebe zwischen einer feministischen Linguistin und einem Großindustriellen. Sie erklärt ihm, Liebe sei eine Erfindung der Literatur des 19. Jahrhunderts. Unser Lied handelt von einem Typen, der verlassen worden ist. Er nimmt Abschied vom bürgerlichen Leben. Das tröstet ihn.

Er nimmt sich sogar wieder die Schriften von Karl Marx aus seiner Studienzeit vor.

Tennant:

1972 ging ich von Newcastle nach London zum Studium. Gleich am ersten Tag gab es ein Sit-in für gerechte Wahlen in Rhodesien. Es dauerte zwei Wochen, und ich dachte, das geht jetzt immer so weiter an der Uni. Die Leute saßen herum und redeten. Ich mochte das.

Waren Sie ein Hippie?

Tennant:

Ich war ein normaler Student mit langem Haar. So bin ich sozialisiert worden. Die Studenten sahen sogar noch so aus, als ich fünf Jahre später an die Uni kam. Schlimm. Ich ließ mir allerdings schon 1973 die Haare scheren.Wurdest du damals schon kahl?Unsinn. Ich wollte nur nicht mehr aussehen wie ein Intellektueller. Ich wollte Studenten erschrecken.

Wie war das für Sie, als Margaret Thatcher starb?

Tennant:

Sie haben unsere alten Songs im Fernsehen gespielt, bei den BBC News. „Let’s Make Lots Of Money“ lief rauf und runter. Da waren wir mächtig stolz. Offenbar hatten wie die Hymne einer Ära geschrieben. Margaret Thatchers Tod war auch ein willkommener Anlass für uns Briten, die letzten dreißig Jahre zu überdenken.

Vor neun Jahren haben Sie auf dem Londoner Trafalgar Square den Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ neu vertont. Was sollten die Briten daraus lernen?

Tennant:

Das lief im Auftrag des Institute For Contemporary Arts und war selbstverständlich politisch. Der Trafalgar Square ist das Forum Londons. Alle Manifestationen haben dort stattgefunden. Vom 19. Jahrhundert bis heute, gegen Steuern und Kriege. Unsere Filmmusik sollte den Idealismus feiern, den ewigen Freiheitstraum der Menschheit.

Heute singen Sie über die Banker und ihre Boni. Kehren die revolutionären Fieberschübe zurück?

Lowe:

Ich gebe zu bedenken: Gewöhnliche Revolutionen haben so ihre Haken und Hindernisse.Und sie ziehen sich hin. Wenn man sich so umhört, hält das Volk den Finanzmarkt, auf dem unsere Wirtschaft basiert, für das Grundübel unserer Zeit. Banker bekommen Boni dafür, die Welt schlechter zu machen. Ich bin überrascht, dass die Banken von Gewalt bisher weitgehend verschont geblieben sind. Die Banker selbst sind wohl am meisten überrascht, dass sie sich ihre Boni weiterhin ungestört einverleiben können. Warum werden Banken nicht gestürmt? Die Geschäftskultur ist seit den frühen Neunzigern, seit dem Verschwinden der sozialistischen Welt, so weit verkommen, dass eine Revolution nicht schlecht wäre.

Sollte Pop wieder politischer werden?

Tennant:

Sollte Pop nicht überhaupt wieder wichtiger werden? Was ist denn die Aufgabe der Popmusik? Sie sollte die Haltung der Menschen prägen, ihre soziale Attitüde. Als Forum, um politische Themen zu diskutieren, ist sie denkbar ungeeignet. Kochen ist ja auch nicht per se politisch, indirekt natürlich schon. Nennen Sie mir nur einen politischen Song, der das bewirkt hat, was er bewirken wollte!

Sind die Pet Shop Boys für die Briten, was Bruce Springsteen für die Amerikaner ist?

Tennant:

Haha! Unsere politische Haltung ist, wenn überhaupt, nur in gesungenem Understatement zu haben. Hinterher ist man ja immer schlauer. Man kann heute auch behaupten, „Go West“ habe den Kommunismus auf dem Gewissen. Es war der richtige Titel zur richtigen Zeit. Das war ja immer schon das Großartige an Popsongs: Nachträglich stellt sich häufig ein Sinn ein.

Einer Ihrer neuen Songs heißt „Bolshy“. Ist das eine Ode an den Bolschewismus?

Tennant:

Zunächst einmal ist „Bolshy“ ein sehr fröhlicher und unbeschwerter Song. Im Englischen steht bolshy nicht nur für bolschewistisch. Um 1977 herum galten die Punks als bolshy. Es bedeutet so viel wie rotzig und rebellisch. Johnny Rotten war bolshy. Aber ich gebe zu: Wir mögen russische Wörter sehr.

Sie scheinen geradezu besessen zu sein von der russischen Kultur. Sie haben Lieder über russische Migranten geschrieben, und 2005 beim Live-8-Festival haben Sie „Go West“ in Moskau gesungen.

Tennant:

Schon als Kind war ich gefesselt von Geschichten über die russische Revolution. Ich mag russische Musik, den Klang der Sprache. Wir waren zum ersten Mal 1997 da, wir haben Freunde in St. Petersburg. Bei einem Wohltätigkeitsball von Elton John sprach uns die Organisatorin von Live 8 an und erklärte uns, Wladimir Putin hätte uns gern auf dem Roten Platz dabei. Wir fanden das naheliegend. Chris war ganz aufgeregt.Ich war von den Socken.Die meisten russischen Bands hatten gar keine Lust beim Live 8 zu spielen, weil sie kein Geld dafür bekamen. Also bestiegen wir kurzerhand unseren Privatjet und landeten auf dem Roten Platz.Das war jetzt ein Witz.