Klassik-Kritik

Ein Tschaikowsky am Rande des Wahnsinns

Philharmonie: Valery Gergiev sorgt für denkwürdigen Abend

Er hätte auch eine Hollywood-Karriere einschlagen können. Mit diesem aufdringlichen Blick, dieser unheimlichen physischen Präsenz, dieser bedrohlichen Attraktivität. Valery Gergiev, der russische Maestro – er wäre ein Gewinn gewesen für so manchen Gangsterfilm.

Doch er hat sich für die klassische Musik entschieden. Sonst wäre ein Konzert wie dieses gar nicht möglich, ein Konzert, von dem man vielleicht sogar noch nach Jahren schwärmen wird. In der Berliner Philharmonie ist ihm das gelungen. Mit Tschaikowskys Sechster Sinfonie, in der zweiten Hälfte des Abends. Ohne Dirigierpult, ohne Dirigierstock, ohne Partitur. Zunächst steht Gergiev wie in ein Gebet vertieft vor seinem St. Petersburger Mariinski Orchester, holt dann die Streicher aus dem Nichts, lässt sie raunen und murmeln, kriecht förmlich in das abgründige Fagott-Solo hinein.

Gergiev fordert absolute Hingabe, erzeugt unerbittliche Spannung. Irritierend zuweilen seine vibrierenden Hände, doch was für einen großartigen Streicherklang er damit erzeugt! Tief, voluminös, unendlich weit. Überraschend rasant die Mittelsätze. Gefährlich intensiv werden Gergievs Ausfallschritte, er beginnt seine Musiker aufzupeitschen. Das Scherzo: eine schwindelerregende Hetzjagd. Gergiev schnauft heftig. Ein Tschaikowsky am Rande des Wahnsinns. Ein Tschaikowsky außer sich, von Furien verfolgt.

Für die Musiker ist dies alles kein Zuckerschlecken. Unter Gergiev zu spielen, heißt leiden müssen. Der Dirigent lässt seine Besessenheit in ihre Glieder fahren. Er presst aus sich und dem Orchester heraus, was möglich ist. Erschöpft und benommen wankt Gergiev schließlich von der Bühne. Zuvor wischt er sich Schweiß und Tränen der Ergriffenheit aus dem Gesicht. Er braucht ein paar Sekunden, dann hat er sich wieder im Griff, lächelt glücklich. Dankt dem graumähnigen Konzertmeister, der mit seinen leidenschaftlichen Sprüngen für Furore gesorgt hat.

Nach einem so triumphalen Tschaikowsky verblasst die erste Hälfte des Abends zwangsläufig. Auch wenn sie noch so gut war. Doch es wäre ein Unding, den Pianisten unerwähnt zu lassen: Denis Matsuev, einen stählernen Tastenlöwen, wie ihn wohl nur Russland hervorbringen kann. Schostakowitschs 2. Klavierkonzert liegt ihm perfekt in den Pranken. Herausragender Spielwitz, souveränes Timing, übervirtuose Motorik.

Hut ab aber auch vor Gergievs Wagner ganz zu Beginn des Konzerts. Hut ab vor der dunklen Inbrunst, mit der er in das Vorspiel zum Lohengrin taucht. Hut ab vor dem beseelten Streicherklang, dem hellstrahlenden Blech. Bemerkenswert, wie Gergiev danach René Papes stattlichen Wotan umwirbt – mit gebeugtem Rücken und behutsam wucherndem Orchesterklang.