Konzert

Den Fluglärm besiegen sie, den Platzregen nicht

Drei Typen, drei Akkorde: ZZ Top in der Zitadelle begeistern – wenn auch nur kurz – mit ihrem bodenständigen Sound

Das ist der Sound, der die Maschine des Ford Coupe Eliminator noch lauter auf dem Wüsten-Highway aufheulen lässt. Das ist der Boogie, bei dem sich die Harley noch wuchtiger in die Kurve legt. Entsprechend viel Biker-Publikum drängt sich denn auch am Montag Abend in der Spandauer Zitadelle, um das texanische Kraftpaket ZZ Top nach längerer Abwesenheit wieder live in Berlin zu erleben. Rund 6000 Besucher blicken Richtung Bühne, als „The Girl“ von der Videowand „That little ol‘ Band from Texas“ ankündigt.

Punkt 20 Uhr entern Gitarrist Billy Gibbons, Bassist Dusty Hill und Schlagzeuger Frank Beard in strassbesetzter Kluft samt Hut und Ray-Ban-Sonnenbrille die Bühne. Und die Stimmung ist sofort im roten Bereich. Das treibende „Got Me Under Pressure“ vom 83er-Erfolgsalbum „Eliminator“, das in den USA immerhin mit Zehnfach-Platin ausgezeichnet wurde, steht am Anfang eines so kompakten wie straff durchorganisierten Abends mit wuchtigem, rauröhrendem Bluesrock.

Einem Bluesrock, wie man ihn so nur von ZZ Top zu hören bekommt. Während die biblischen Bärte von Gibbons und Hill im Wind wehen, gibt der vollbartlose Drummer Beard hinter seinem Double-Bass-Schlagzeug den hämmernden Takt vor. Unaufhaltsam prescht dieser Mix aus Texas-Blues und Hardrock unaufgeregt Richtung Zielgerade. Und im gefühlten Minutentakt gehen die Maschinen aus Tegel über der Bühne auf Flughöhe. ZZ Top überspielen den Fluglärm mit Leichtigkeit.

Seit 44 Jahren stehen ZZ Top in unveränderter Besetzung auf der Bühne. Dieselben drei Typen, dieselben drei Akkorde. Sie haben den schwerblütigen Zwölftakter zum Stilmittel erhoben. Sie haben es geschafft, mit ihrem Bluesrock die Charts zu erobern und Millionenumsätze einzufahren. Dabei macht dieses Trio kontinuierlich immer wieder die selbe Platte. Nur die Titel ändern sich. Auf 15 Alben haben sie es bisher gebracht. „La Futura“ heißt das neueste, und die Musik ist wieder so hemmungslos retrospektiv, dass man das Gefühl nicht los wird, sie stünde schon seit Jahrzehnten als Vinyl im heimischen Plattenschrank. Aber es sind genau diese repetitiven Muster, es ist dieser Wiedererkennungseffekt, der diesen grobschlächtigen bodenständigen Sound so originell und zeitlos wirken lässt.

Der Klassiker „Waiting For The Bus“ vom 73er-Album „Tres Hombres“ mit der im Publikum lautstark mitskandierten Zeile „Have Mercy“ ist gleich das zweite Stück des Abends. Gibbons und Hill stapfen in altbekannter und geschätzter Synchron-Choreografie um die Mikrofonstative, reißen die Gitarren hoch und nieder, stramme Mittsechziger mit ironischem Hang zu einem Entertainment der Langsamkeit. Auch die neuen Stücke kommen bestens an. Neun Jahre lang haben sich ZZ Top Zeit gelassen, bis im vergangenen Jahre „La Futura“ erschien und prompt in den deutschen Top 10 landete. Dabei ist „I Gotsta Get Paid“ ein schleppender Blues mit eingängigem Riff und „Flying High“ der weitere Versuch einer Stadionhymne. Etwas zum Mitsingen eben. Das Publikum hat verstanden.

Nach 14 Stücken und nur einer Stunde ist schon wieder Schluss mit Boogie, was im Publikum für einigen Unmut und lautstarke Pfiffe sorgt. Immerhin gibt es mit „Tube Snake Boogie“ und „La Grange“ noch Zugaben. Da setzt allerdings ein Gewitter samt Platzregen ein, was die Besucher scharenweise zum Ausgang drängen lässt. Es ist zehn nach neun, es blitzt, es donnert, es schüttet wie aus Kübeln. Auf der Bühne läuft währenddessen ein kinogerechter Abspann, der die komplette Tour-Crew beim Namen nennt. Für mehr Zugaben ist keine Zeit. Für mehr Applaus auch nicht.