Fernsehen

Aufregend sind nur die Einschusslöcher

Aber Geschichte wird gemacht: Guido Knopp muss an sich und dem neuen Phoenix-Talk „History Live“ noch viel arbeiten

Gerade war man im „Presseclub“ bei „Phoenix“ zu dem Fazit gekommen, dass die gigantische Internetspionage der Amerikaner und Briten die westliche Demokratie vor fundamentale Legitimationsprobleme stellt. Das Thema der anschließenden Premiere von „History Live“, der neuen Gesprächssendung des ehemaligen ZDF-Chefhistorikers Guido Knopp, hätte also, jenseits aller Jahrestage, vor aktueller Spannung knistern können. Über „Der fremde Freund – die USA und wir“ nämlich diskutierte das Quartett, zu dem sich die Historiker Michael Stürmer und Bryan van Sweringen und der Sozialpsychologe Harald Welzer bei Gastgeber Knopp in Clärchens Ballhaus in Berlin zusammen gefunden hatten.

Die historische Patina dieses Ortes, der noch Original-Einschusslöcher aus dem zweiten Weltkrieg aufzuweisen hat, soll den Geschichtssinn beflügeln und die Gegenwart der Vergangenheit beglaubigen. Die Kamera war bemüht, das in gewagten Schwenks in die Gesprächsrunde hineinzuschaufeln. Aber sie musste eben doch immer an den unmöglichen himmelblauen Drehsesseln der Diskutanten andocken. Jedenfalls waren die 60 Minuten Sendezeit schon fast um, bis man zu NSA und Snowden kam. Mehr als ein Schulterzucken war da nicht mehr drin. Wer an ein Telefongeheimnis glaube, der glaube an den Weihnachtsmann, sagte Stürmer. So viel Realismus darf es dann schon sein. Dass die bürgerlichen Freiheiten und Grundrechte Lug und Trug seien, das allerdings hört man von ihren Verächtern seit ihrer Proklamation.

Kontroverse Auseinandersetzung mit Geschichte im Lichte der Gegenwart – das sei das Wesen des neuen Formats, danach würden die Gesprächsrunden zusammen gesetzt. So hieß es in den Vorankündigungen. Stürmer also hatte den „wertkonservativen“, Welzer den „linksliberalen“ Part zu spielen. Van Sweringen als Amerikaner das Weltkind in der Mitten, über der deutschen Meinungslandschaft schwebend. Und Knopp? Als Gastgeber, Talkmaster, Moderator oder was auch immer müsste er eigentlich alles daran setzen, so viel Musik wie möglich aus einer solchen Runde heraus zu holen. Allein, er hatte, bei dieser Premiere jedenfalls, nicht die geringste Absicht, ein Gespräch, gar ein Streitgespräch aufkommen zu lassen.

Oberlehrerhaft und stur arbeitete er seine Stichwortliste ab. Vom Fraternisierungsverbot zu Kriegsende ging es über den Kalten Krieg, die Luftbrücke, die atomare Abschreckung, den Kennedy-Besuch, die Studentenbewegung, die Wiedervereinigung und den Irak-Krieg schließlich zu Obama. Und seine Gäste, von denen jeder ja von beachtlichem intellektuellem Gewicht ist, spielten brav mit. Sie ließen sich abfragen wie Schulbuben. Als Welzer im Blick auf Kennedys Berliner Rede einmal andeutete, dass aus sozialpsychologischer Sicht der enthusiastische Jubel der Berliner möglicherweise auch dem lange unterdrückten Jubelbedürfnis geschuldet und damit keineswegs nur ein kollektiver Freiheitsschrei sein könnte, erstickte Knopp den Gedankenflug im Ansatz. Welzer rettete sich in die denkwürdige Sentenz: „Es ist schon interessant, was da alles zusammen kommt“.

Das nun hätte man als Motto über die ganze Veranstaltung schreiben können. Und vielleicht ist das ja auch genau das, was ein Phoenix-Zuschauer an einem Sonntagmittag im Sommer braucht. Eine halbwegs vollständige Zwei- oder gar Dreigenerationenfamilie sitzt beim Sonntagbraten – solche Szenen sollen sich in der Wirklichkeit noch abspielen – und lässt sich von Guido Knopp und seinen Mitstreitern die Stichworte für ein lebhaftes Tischgespräch liefern.