Kunstsache

Der Kopffüßler in der Auguststraße

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma mault. Sommerregen-Depression? Nee, mault sie, sie hätte gerade genug von Videokunst und Installationen, mal wieder „richtige“ klassische Malerei wolle sie angucken. Was sind das für Töne? Da muss ich lachen, dieser Zustand stellt sich immer dann ein, wenn man auf zu vielen Vernissagen tanzt, der eigene Kopf zur Bilder-Datenbahn mutiert. Ja, visuelle Beruhigung ist angesagt. Vielleicht Alte Nationalgalerie, schlage ich also vor. Caspar David Friedrich, Adolph Menzel, Carl Spitzweg, diese Namen hauche ich ihr ins Ohr. Große Meister beruhigen halt immer. Doch Madame hat anderes vor. Horst Antes, sagt sie. „Hattest du auch ein Kunstposter von ihm im Zimmer?“

Nun ja, ich hatte viele Poster, aber ehrlich, keines von Antes. Wahrscheinlich bin ich wohl eine von den Erdenbürgern, die seine begehrten, extrem plastischen Kopffüßler, mit denen er weltbekannt wurde, eher unheimlich finden. Vielleicht liegt es an den großen, leeren Augen, die aus den XXL-Köpfen glotzen. „Für mich sind das Seelenbilder“, sagt Emma. So hat jeder seine Deutungshoheit über dieses archetypische Urbild des Menschen. Und schließlich gibt es auch noch die blutrauschend-roten, durch und durch erotischen Maja-Bilder.

Man muss wissen, dass es Ende der 50er Jahre, im gebeutelten Nachkriegsdeutschland, so etwas wie eine Neubestimmung der Malerei gab. Die Figuration stand für das Restaurative, die Abstraktion als Freiheit für die Zukunft. Und da entwickelte Horst Antes, Jahrgang 1936, mit seinem Kopffüßler ein ganz eigenes Vokabular. Die kunterbunte Kunstfigur, zur Hälfte Kopf, zur Hälfte Bein, ohne Hals und Leib, wurde sein zentrales Motiv, das er in Malerei, Grafik und Skulptur zahllos variierte und abwandelte. Als Single, Paar oder flotter Dreier.

Schnell war Antes international bekannt, doch als er sich später malerisch von seinem Kopffüßlern trennte, geriet er ins Abseits des schnelllebigen Kunstmarktes. Heute malt er ganz anders, monumentale, karge, urbane, entleerte Häuserfassaden. Könnte gut möglich sein, dass sich die Kopffüßler irgendwo dahinter verbergen.

Gerade wird Horst Antes in Berlin, wo er noch immer ein Atelier hat und einst UdK-Professor war, wiederentdeckt und zwar im munteren Doppelschlag: mit einer Einzelschau im Martin-Gropius-Bau und einer Galerieausstellung bei Deschler an der Auguststraße. Dort sind ausschließlich frühe Arbeiten ab 1958 präsentiert, die die „Geburt des Kopffüßlers“ ankündigen. Zu sehen ist, wie sich dieses Kopfmonster stufenweise aus der farblichen Abstraktion herausschält, auf der Leinwand wächst und nach Volumen sucht.

Die Arbeiten stammen aus der elterlichen Sammlung Kurt und Vera Deschler. Käuflich erwerben kann man in der Ausstellung „so gut wie nichts“, erklärt Marcus Deschler. Der Galerist, Jahrgang 1962, ist mit Antes groß geworden, der Künstler kam des öfteren zu Besuch ins Elternhaus nach Süddeutschland. Papa Deschler sammelte Arbeiten des jungen Studenten, den er Ende der Fünfziger kennengelernt hatte über dessen Lehrer HAP Grieshaber. „Mit Antes verbinden mich meine Wurzeln, er prägt mein Kunstverständnis“, so Deschler. Manchmal, zum Geburtstag, dürfte sich der Sohnemann auch eine Antes-Grafik aussuchen.

Einige Arbeiten entstanden sogar im Familienhaus. Wie der licht-luftig-fröhliche Dreiteiler „Figur mit Wolken“, der bis in die 90er Jahre draußen an der Hauswand zum Garten installiert war. Aus restauratorischen Gründen musste er aber entfernt werden. Nun hängt er prominent in der Galerie. Ein schönes Wiedersehen für die Familie. (Galerie Deschler, Auguststr. 61, Mitte, Di-Sa 12-18 Uhr. Tel. 2833 288. Bis 7. September)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien