Tanzfest

Berühmte Tänzer, schamhaft wie Debütanten

Kostbares Stück zum Auftakt des Festivals „Foreign Affairs“

Jetzt könnte man jetzt wieder so richtig losmeckern. Warum man ein neues Berliner Theater-, Tanz- und Perfomance-Festival ausgerechnet mit Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz eröffnen muss, wo die beiden hochgeschätzten Künstler doch bereits bei gefühlt jedem Berliner Theater-, Tanz- und Perfomance-Festival dabei sind?

Oder warum dem neuen „Foreign Affairs“-Chef Matthias von Hartz keine anderen Protagonisten einfallen als zum Beispiel der gegenwärtig nach dem Samoa-Schamanen Lemi Ponifasio als Exot der Saison herumgereichte Kongolese Faustin Linyekula? Oder ob es Sinn macht, wenn sich Bund und Land bei ihren Reihen „Foreign Affairs“ und „Tanz im August“ mit teilweise identischem Personal Konkurrenz machen, dafür aber jeweils vergleichsweise bescheidene 800.000 Euro Subvention gewähren statt einmal zusammen zu klotzen?

Aber wir wollen ja gar nicht meckern. Denn wir freuen uns über „Partita 2“, die wundervolle „Foreign Affairs“-Eröffnungsproduktion von Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz, die in Brüssel herauskam und jetzt als deutsche Erstaufführung im Haus der Berliner Festspiele zu sehen war.

„Partita 2“, das ist natürlich Johann Sebastian Bachs BWV 1004, d-moll, mit dem weltenthobenen Mysterium der abschließenden Chaconne. Die gibt es zunächst einmal nicht zu hören, geschweige denn zu sehen. Es ist nämlich dunkel, sehr lange Zeit. Die Ohren werden größer, intensivieren ihre Arbeit, auch wenn sie bald merken, dass die Geigerin Amadine Beyer, die jetzt in der Schwärze Allemande, Sarabande, Courante und Gigue breit spielt, nicht die allerbeste ist.

Muss sie auch nicht sein, denn wenn endlich das Licht angeht, dann kommen De Keersmaeker und Charmatz auf die leere und nun auch stumme Szene. Sie ist 53, Flämin, eine zarte, scheue Gazelle im schwarzen Schlabberkleid mit lila-roten Turnschuhen, er ist 40, Franzose, ein verstrubbelter Schlacks, in Hose und Shirt, ebenfalls mit Sneakers. Beide sind sie Tänzer und Choreografen, weltberühmt, doch hier schamhaft wie Debütanten. Ein seltsames, dabei sehr inniges Paar, fremd und doch sich sehr zugewandt. Diesmal folgt er ihren Anweisungen. Zwei Jahre lang haben sie an diesem kostbaren Stück gefeilt.

Ohne Musik geht es in Kreisen und Linien durch den Raum, man probiert sich aus, lässt des anderen Körperlichkeit auf sich wirken, vertraut und doch so fremd. Ein schiebender, hebelnder Pas de Deux als Nahaufnahme aus Mechanik und Intimität ergibt sich um die Kreidekreismarkierung in der Mitte herum, dann Girlanden des Rennens, Schnaufens, Hüpfens, Drehens aus der Körperachse. De Keersmaekers typische, schöne, sensible, dabei uneitle Tanzsprache.

Die stilisierte Tanzfolklore dieser Musik, ihr Ernst, ihre Gefasstheit, ihre mathematisch klare Schönheit scheint plötzlich mit diesem so simplen und doch so komplexen, auf Vertrauen und Respekt, Übereinkunft und Zuneigung basierenden Bewegungsfluss vollkommen eins.