Jugendroman

Nur endlich raus aus dem Rosa

Die Bestsellerautorin Kerstin Gier hat das Genre des Elternbuchs revolutioniert, jetzt ist die Fantasyliteratur dran. Eine Begegnung

In gewisser Weise ist der Fantasyroman die humorlose Variante des Frauenromans: voller Wunschträume, eher unwahrscheinlicher Begebenheiten und Männer, die sich in die zwei Kategorien Fürst der Dunkelheit oder Prinz mit Schwert und Pferd aufteilen lassen. Nur dass die Heldin darüber nicht lachen kann, weil sie keine Distanz zum Geschehen aufbauen darf: Solange die Fantasywelt als die aus welchen Gründen auch immer bessere Realität aufgebaut wird, schließen sich Magie und Ironie aus. Das macht zum Beispiel die „Twilight“-Trilogie für jene, die nicht mit dem heiligen Ernst der Pubertät lesen, so schwer erträglich.

Und das macht Kerstin Giers neuen Jugendroman so gut: „Silber“ (Fischer Jugendbuch, 18,99 Euro) behandelt die eigene Geschichte mit jener Selbstironie, die jeder vernünftige Mensch diesem Genre gegenüber aufbringen sollte. Die 15-jährige Heldin Liv Silber tritt im London des 21. Jahrhunderts durch eine magische Tür, ohne ihren gesunden Menschenverstand an der Pforte abgeben zu müssen. Der Roman erzählt von der Clique einer noblen britischen Privatschule, die einen Dämon aus der Unterwelt befreit hat und seitdem in die Träume anderer treten kann – in diesen allerdings auch vom Dämon bedroht wird, weil das Befreiungsritual noch nicht ganz vollzogen ist. Liv könnte ihnen aus der Patsche helfen. Und dazu ist sie auch bereit – aber immer mit deutlich hochgezogener Augenbraue. Als sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit den Namen des dämonischen Finsterlings erfährt, kriegt sie sich denn auch gar nicht mehr ein vor Lachen: „Lulila, der Windmann?“ Im Internet lässt er sich nur mit Mühe aufstöbern – „es gab allerdings jede Menge Kindermodengeschäfte mit diesem Namen“. Das ist typisch Liv Silber – und typisch Kerstin Gier.

Die 46-Jährige aus Bergisch Gladbach ist die Fiese unter Deutschlands Bestsellerautorinnen. Und wahrscheinlich die Einzige, die eine Leserin schon mal öffentlich beschimpft hat. In der Widmung von „Die Patin“, dem zweiten Band ihrer „Müttermafia-Trilogie“ steht eine lange Liste von Amazon-Pseudonymen, für die das Buch sei, und die Bemerkung: „Ihr wisst gar nicht, wie viel Freude fünf Sterne machen können!“ Und dann steht da noch: „Dieses Buch ist nicht – ich wiederhole NICHT – für die Rezensentin aus Düsseldorf. Geh doch und schaufle dir ein Loch.“

Das kam nicht so gut an in der Gemeinde. „Ich dachte, das sei lustig“, sagt Kerstin Gier heute. „War es aber offensichtlich nicht. In der Anfangszeit von Amazon war das unmittelbare Leserecho ja etwas ganz Neues. So was würde ich heute niemals tun – schon, weil man sich damit ja auch die Blöße gibt zu bekennen, wie sehr einen so eine negative Rezension trifft.“ Und dann schwärmt sie von dem höflichen und positiven Ton auf ihrer Facebook-Seite, und wie ermutigend der sei.

Die Macht der Leserinnen

Ob Leserinnen wissen, welche Macht sie über Unterhaltungsschriftstellerinnen haben, weil diese Schriftstellerinnen ja niemanden haben außer ihren Leserinnen? Sie kriegen keine Preise (abgesehen vielleicht von Delia, der „Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren“), vom Feuilleton werden sie totgeschwiegen, und für ihre Verlage – meist große Häuser mit noch größerer Taschenbuchabteilung – sind sie ein Name von vielen in der langen A-bis-Z-Liste. Es sei denn, ihre verkaufte Auflage schubst sie auf einen der vorderen Plätze der Monatsbilanz. Kerstin Gier kennt beides – die Funkstille eines Publikumsverlages, der aus strategischen Gründen plötzlich mehr Energie darauf verwendet, neue Stars aufzubauen, anstatt die alten zu hätscheln, und den Luxus, sich seinen Verlag aussuchen zu dürfen, weil gleich mehrere um einen buhlen.

Bereits 2010 beendete sie ihre „Edelstein-Trilogie“, Jugendromane um die eher widerwillig zeitreisende 16-jährige Gwendolyn, in 27 Sprachen übersetzt und über eine Million Mal verkauft. Im vergangenen Jahr kam die Verfilmung des ersten Bandes in die Kinos, als Buch stand „Rubinrot“ ein Jahr lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, der Abschluss „Smaragdgrün“ sprang im Dezember 2010 von null auf Platz eins. Aber erst „Silber“ scheint der endgültige Befreiungsschlag der Frauenromanautorin Kerstin Gier. Endlich raus aus dem Rosa, weg von den Buchcovern mit Frauen ohne Kopf, aber langen Beinen und High Heels.

„Silber“ erscheint nicht mehr im angesehenen, aber etwas kraftlosen Arena-Verlag. Denn auf Initiative ihrer Agentinnen startete Gier nach dem Erfolg der Edelstein-Trilogie eine kleine Besichtigungstour: „Ich wollte einen vertriebs- und marketingstarken Verlag.“ Und sie weiß ziemlich genau, was sie nicht mehr will. Rosafarbene Merchandising-Artikel zum Beispiel, bei deren Entwurf sie kein Mitspracherecht hat. Oder für eine Homestory Stunden mit Journalistinnen zu verbringen, „die dann doch nur ein paar O-Töne in ihre vorgefertigte Meinung streuen.“ Abgelehnt werden auch Fernsehtalkshows: „Ich bin überhaupt nicht telegen, warum sollte ich mir das antun.“

Unperfekte Kinder

Es gibt bei Frauen dieses demonstrative „Mit-mir-nicht!“-Selbstbewusstsein, das schnell beleidigt wirkt, wenn es nicht mit Erfolg gepaart ist. Autorinnen, die auf der Girlie-Welle Mitte der Neunziger groß geworden sind, mit Gaby Hauptmann, Hera Lind und Ratgebern wie „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin“, sind dafür besonders anfällig. Vielleicht, weil die meisten von ihnen eigentlich nur selbst diese Romane gelesen und dann gedacht haben, „das kann ich auch“.

Wie Gier. Ihr erstes Manuskript gab sie 1995 persönlich an der Pforte von Lübbe ab, der Kölner Verlag lag eben gleich gegenüber auf der anderen Seite des Rheins. „Die Geschichte steckte in einem roten Leitz-Ordner, der mir von einer genervten Sekretärin aus der Hand gerissen wurde“ – Frauenromanautorinnen schaffen es irgendwie immer, ihr Leben klingen zu lassen wie im Frauenroman.

Ein Jahr später erschien „Männer und andere Katastrophen“. Und hatte Erfolg. Fortan schrieb sie, sagt Gier, „im Grunde völlig plotfreie Romane: Frau, Frau trifft Mann, Frau kommt mit Mann zusammen. Ansonsten null Handlung, keine Entwicklung der Figuren. Damals reichte das. Nur lustig musste es sein.“ Besser wurden ihre Bücher erst mit der Übung, findet sie, und als sie ihr Herzensthema zu verarbeiten beschloss: Mütter. „Ich hatte zum ersten Mal eine Botschaft, und wollte die in ein Buch packen. Die Liebesgeschichte darin war reine Makulatur, die habe ich reingepackt, weil ich musste.“

„Die Müttermafia“ erzählt von der alleinerziehenden Constanze, die ihr unperfektes Leben und ihre unperfekten Kinder gegen die Bilderbuch-Mütter mit ihren Bilderbuch-Kindern der Bilderbuch-Siedlung verteidigen muss, in die es sie verschlagen hat. Heute biegen sich die Regale vor lauter „absolut ehrlichen Elternbüchern“, doch 2005 war ein Frauenroman, der sich über PEKiP-Kurse und Übermütter lustig macht, eine kleine Sensation. Die überforderten Jungmütter stürzten sich begeistert darauf.

Dabei geht der Roman nachsichtiger mit den dunklen Seiten der Mütterpsyche um als Kerstin Gier im Gespräch: „Ich schreibe eben sehr marktgerecht.“ Als frisch gebackene Diplompädagogin gab sie im Katholischen Familienbildungswerk Mutter-Kind-Kurse: „Diese Mütter waren alle Laktationsberaterinnen im Nebenberuf, und ihre Einjährigen konnten natürlich schon sämtliche Farben und Zahlen auseinanderhalten. Die waren so fies zu mir, weil ich keine Kinder hatte! Je mehr Kinder sie hatten, desto stärker fühlten sie sich mir überlegen.“ Mit der eigenen Schwangerschaft – ihr Sohn ist heute 13 – wurde sie nicht toleranter, nur verzweifelter: „Man möchte ja nie mehr als in dieser Zeit als junge Mutter irgendwo dazugehören. Und alles richtig machen. Und dann stand ich plötzlich in dieser Parallelwelt. Ich bin manchmal irre gewesen abends.“

Wenn die Mafia-Trilogie Kerstin Giers Rache an den Müttern war, dann ist die Traum-Trilogie gewissermaßen die an der ganzen Frauenbuchbranche: „Mein Traum war schon immer, Jugendbücher zu schreiben. Aber als ich anfing, waren eben Frauenromane gefragt. Und ich kam nicht mehr raus aus der Schublade.“ Erst als es etwas ruhiger wurde um das Genre und seine Stars, setzte sich Gier an „Rubinrot“: „Da war ich plötzlich ganz frei!“ Und dann stockt sie fast ein bisschen entschuldigend: „Sofern man frei sein kann, weil man die Erwartung der Leser immer mit im Hinterkopf hat. Ich schreibe für die Leser. Ich will die Arbeit nicht für mich selber machen.“