Konzertkritik

Mehr als eine Zeitreise

Von Woodstock ins Heute: Crosby, Stills & Nash in der Schmeling-Halle

So sehen Legenden aus. Lässig, locker, gut gelaunt. Der barfüßige Graham Nash ist der erste, der unter Jubel auf die Bühne kommt. Gefolgt von David Crosby, dem graumähnigen Grandpa-Typ mit dem gütig-verschmitzten Lächeln. Stephen Still erscheint als letzter und schultert seine E-Gitarre. Es ist kurz nach 20 Uhr, als Crosby, Stills & Nash am Freitag Abend in der Max-Schmeling-Halle ihre Zeitreise in die Hippievergangenheit mit dem wunderbar treibenden „Carry On“ von 1970 eröffnen. Und sie haben das Publikum von Anfang an auf ihrer Seite.

Mit ihren so poetischen wie politischen Songs in ausgefeilten Arrangements und punktgenauen Harmoniegesängen prägten Crosby, Stills & Nash eine ganze Generation. Sie zerstritten sich. Sie rauften sich wieder zusammen. Zerstritten sich wieder. Traten mal solo, mal im Duo auf. Und nun stehen diese drei hochmusikalischen Querköpfe 44 Jahre nach ihrem Durchbruch beim Woodstock-Festival gemeinsam in Berlin auf der Bühne und breiten spielfreudig und mit der nötigen Altersweisheit ihr Lebenswerk vor rund 4000 Besuchern aus, die die großen Hymnen der 70er-Jahre nie wirklich vergessen haben.

All on board! Energiegeladen nimmt der „Marrakesh Express“ Fahrt auf. Live klingen die Songs von Crosy,Stills & Nash um einiges rockiger, als man sie auf Platte verinnerlicht hat. Wobei schnell klar wird, dass Stephen Stills, mit 68 Jahren der Jüngste im Triumvirat, der Mann für die härteren Töne ist. Während Crosby und Nash, beide inzwischen 71 Jahre alt, stimmlich gut in Form sind, hat das Rockmusikerleben auf Stills‘ Stimmbändern deutlich Spuren hinterlassen. Er macht das wett durch ein virtuoses, raues Gitarrenspiel, das viele der Songs lautstark veredelt. Und er sorgt dafür, dass die Perlen der Vergangenheit nicht allzu sehr auf Hochglanz poliert werden.

Eine richtige Gruppe waren sie eigentlich nie. Die Zusammenarbeit von Crosby, Stills & Nash hatte eher Projektcharakter. Sie waren drei Individualisten mit entsprechend großem Ego, die in den 60er-Jahren ihre jeweiligen Formationen verlassen hatten. Und was machen sie nach ihrem Ausstieg? Sie tun sich als Crosby, Stills & Nash zusammen, zeitweilig durch Neil Young zum Quartett erweitert. Und werden zu Hitlieferanten der Woodstock-Ära.

Eine ausgewählte Schar erstklassiger Musiker, angeführt von David Crosbys Sohn James Raymond an den Keyboards, gibt dem luftigen Liederabend die perfekte Form. Der texanische Organist Todd Caldwell lässt die Hammond B3 ordentlich röhren, der englische Gitarrist Shane Fontayne gibt den Klassikern rhythmisch und solistisch Halt, Bassist Kevin McCormick und Schlagzeuger Steve DiStanislao treiben die Uptempo-Nummern mächtig voran. Der Sound ist gut und wird im Laufe des Abends immer besser. Als Graham Nash, der Brite im Trio, zum Piano geht, um den 70er-Ohrwurm „Our House“ anzustimmen, singt die ganze Halle im gleißenden Scheinwerferlicht den „very very very fine house“-Refrain mit.

Dabei bleibt es keineswegs bei einer nostalgischen Oldieshow. Es gibt zahlreiche neue Songs an diesem Abend, die teils noch nicht einmal veröffentlicht sind. Stephen Still spielt das bluesrockige „Treetop Flyer“, ein Stück, das er dem deutschen Kreml-Flieger Mathias Rust widmet. David Crosby singt die brandneue, schwergängige Ballade „Time I Have“, und Graham Nash stellt seinen düsteren Song „Exit Zero“ in den Raum. Das ebenfalls aktuelle Lied „Burning For The Buddha“ hat die erschreckend hohe Anzahl tibetanischer Mönche zum Thema, die sich aus Protest gegen die Politik Chinas selbst verbrennen. „128 allein im vergangenen Jahr“, sagt Nash.

Sie sind immer noch die kritischen Geister, die das, was sie bewegt und was sie stört in der Welt, in so eingängige wie anklagende Lieder packen. Es sind natürlich die alten Erfolge, nach denen sich das Publikum verzehrt. Und viele davon gehören auch zum rund dreistündigen Programm. Wie „Chicago“ und „Teach Your Children“, „Guinnevere“ und „Love The One You’re With“, „Helplessly Hoping“ und „Wooden Ships“. Und als Zugabe „Suite: Judy Blue Eyes“.

Das zweckmäßig ausgeleuchtete Bühnenbild ist schlicht und mit schwarzen Tüchern verhangen. Im Hintergrund leuchtet nur das große Crosby, Stills & Nash-Logo. Hier steht ganz allein die Musik im Mittelpunkt. Eine Musik, die diesen drei Legenden Halt gegeben hat in Höhen und vor allem in Tiefen ihres Lebens. Und die ihnen heute die Kraft gibt, einfach immer weiter zu machen: „Carry On“. Der Applaus ist laut und lang anhaltend.