Konzert

Tee trinken ist auch keine Lösung

Man muss sie einfach mögen. Nur nicht an diesem Abend. Cat Power im ausverkauften Huxleys

Kann keiner mehr vernünftig Schluss machen? Pop-Konzerte hatten jahrzehntelang eine verlässliche Struktur, das Ende sah wie folgt aus: Band tritt ab. Das Publikum johlt. Band spielt Zugabe. Dann geht das Licht an, die Musik vom Band dudelt, das Volk geht.

Okay, bei den Wedding Present war das stets ein wenig anders, die spielen nie Zugaben. Im April probten Eels im Tempodrom was Neues aus. Da haben Mark Oliver Everett und seine Kollegen erst ihre Zugaben gespielt, dann ging das Licht an, die Hälfte der Besucher war schon draußen, da hüpften Eels zurück auf die Bühne. Albern, aber auch irgendwie nett. Cat Power hat der Kulturgeschichte des Abgangs nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Am Ende ihres Auftritts im ausverkauften Huxleys wirft sie Blumen in die Menge, die Musiker gehen von der Bühne, doch Cat Power bleibt, winkt, läuft hin und wieder her und macht nicht den Eindruck, als würde sie gleich gehen. Und dann ist sie doch weg.

Das kann’s ja nicht gewesen sein, denkt sich das Publikum, so ganz ohne Zugabe verschwindet die hier nicht. Die Musik vom Band erklingt, trotzdem verlässt kaum einer die Halle, minutenlang geht das so. Ein interessanter Vorgang. Wird das Einfach-mal-so-stehen-bleiben, vorgemacht auf dem Taksim-Platz, das neue heiße Ding?

Liebling der Musikkritiker

Die Geschichte hat kein knalliges Ende, Cat Power bleibt hinter dem Vorhang, das grelle Hallenlicht erstrahlt; ein schales Gefühl, dass der Abend gelungener hätte sein können, steigt beim Verlassen des Konzertsaals hoch. Cat Power, aufgewachsen als Charlyn Marie Marshall, ist ein Liebling der Musikkritiker. Sie ist hübsch, aber keine Schönheit, die Neid erweckt (und blond, ihre aktuelle Haarfarbe, ist eine überdenkenswerte Wahl), sie raucht, trinkt und flucht – also keine Prinzessin –, sie ist psychisch labil und hat eine komplizierte Beziehung hinter sich und redet dankenswerterweise gern über ihre Schwächen und Rückschläge im Leben. „Ich glaube,“ hat Chan Marshall ein schöner Selbstironie gesagt, „ich führe eine offene Beziehung mit der Presse.“

Seit Mitte der neunziger Jahre ist Chan Marshall dabei, neun Alben sind erschienen, was sie selbst kaum fassen kann: „Ich habe fest damit gerechnet, dass ich heute verheiratet sein würde und ein paar Kinder hätte.“ Heute ist sie 41 Jahre, googelt gelegentlich den Namen ihres Ex-Freundes und singt „I want to live my way of living“. Mit dieser Hyper-Authenzität taugt sie als Rollenmodell und ist Projektionsfläche für Über-Dreißigjährige, die nicht wissen, ob sie jetzt komplett gescheitert sind oder vielleicht unterm Strich alles in Ordnung ist, wenn man nur seine Ansprüche und Ziele neu überdenken würde.

Mit anderen Worten, sie passt ausgezeichnet in diese Stadt und ihr Auftritt wird von viel Sympathie getragen. Im vergangenen Winter sollte sie schon in der Stadt auftreten, doch dann kamen gesundheitliche Probleme dazwischen.

Im Huxleys nun legt sie einen viel versprechenden Anfang hin. Sie startet mit „The Greatest“ und „Cherokee“, ihren eingängisten Liedern. Was folgt, ist vergeudete Zeit mit Songs wie „Peace and Love“ und „Manhattan,“ die beweisen, dass Repetitionen nicht immer besonders kunstvoll sein müssen, sondern einfach nur besonders fade sein können. Aber es gibt mit „Shivers“ auch ein schönes Cover von Rowland Howard, Gründungsmitglied der Birthday Party, getragen von den üblichen Gedankengängen eines Jugendlichen: Gleich umbringen oder doch lieber gelangweilt dreinschauen?

So ganz beisammen ist Cat Powers nicht. Nicht, dass es von irgendwelchen Aussetzern zu berichten gibt; das war früher einmal, wo sie mehr als genug Lieder abbrach. Sie ist nicht gut bei Stimme, gelegentlich krächzt sie. Es stört nicht sonderlich, es fällt nur auf. Bestimmt ist sie erkältet, so demonstrativ, wie sie zu ihrer Tasse greift, aus der ein Faden ragt. Vielleicht ist sie aber auch nach all den Drogen gereift und ins Lager der Teetrinkerinnen gewechselt.